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Rollenspielforum für Harry Potter und 4 gegen Z


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Oh du Unfröhlicher, oh du Unseliger / Surviving Christmas - ENDLICH VOLLSTÄNDIG!

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Eine nicht ganz ernst gemeinte 4XZ-Weihnachts-Fanfic von Smilla ;-)


Es geschah am Abend des 24. Dezembers. Heiligabend! Schon wurde es in Lübeck langsam dunkel. Stimmungsvoll leuchtete der Weihnachtsbaum auf dem Marktplatz, während die Lichter in den Schaufenstern ausgingen. Die letzten Besorgungen waren gemacht, die geschäftigen Menschen kamen allmählich zur Ruhe, es wurde endlich still und feierlich in der Stadt. Die Straßen leerten sich, die Kirchen und Wohnzimmer füllten sich. Aus ihren Fenstern fiel ein sanfter Glanz auf den Schnee. Um manche Häuserecke trug der Wind den Duft von Lebkuchen und Gänsebraten und die gedämpften Klänge weihnachtlicher Gesänge.

Auch unter Lübeck war es dunkel. Hier war es immer dunkel. In stimmungsvollem Giftgrün erglühte die Zentrale – wie immer. Zanrelot saß vor dem Bildschirm, übellaunig wie immer. Nein, übellauniger als sonst. „Matreus!“ rief er gebieterisch, doch niemand kam. Der Kerl trieb sich wohl wieder mal oben herum und sein Meister konnte nicht mit! Als wäre das nicht ungerecht genug, musste er sich nun auch noch ganz allein und ohne Hilfe mit seiner Übelkeit herumplagen. „Fest der Liebe!“ knurrte er, „mir ist schlecht!“ Er wandte sich von dem Monitor mit all den widerlich-friedlichen Bildern ab und begab sich zu seinem Liegesessel.

Einen Vorteil hatte es wenigstens, ganz allein zu sein: Er konnte sich gehenlassen und unbeobachtet in Selbstmitleid baden. „Oooooh, mir ist sooooo schlääääääächt!“ jammerte er, „verflucht sollen sie sein mit ihrer Liebe und dem ganzen Firlefanz! Brechmittel, alles nur Brechmittel! Mir ist so schlääääääächt, ich will nur noch stäääääääärben! Äh, nein, das dann doch nicht. Sonst wären fünfhundert Jahre Überlebenskampf umsonst gewesen. Hm... Also dann: Ich will nur noch kooooootzen! Huch – wer ist da?! Oh, hallo, Matreus! Wie? Was? Ach so, ähm, ich sagte bloß: Ich will nur noch Prozent! Äh, ja, nur noch zwanzig Prozent mehr, ja, das wollte ich sagen. Also, auf dem Macht-o-Meter, ja. Das war alles. Kapito?!“

„Aber sicher doch, Meister.“ Täuschte er sich oder klang Matreus’ Stimme reichlich spöttisch? Zanrelot musterte ihn misstrauisch. „Sag mal, Matreus,... Kann es sein, dass dich jemand verflucht hat?“ „Mich? Nein, wieso?“ „Ich meine nur, wie kommt dieses alberne Ding auf deinen Kopf? Nimm das sofort ab, du Trottel!“ „Was? Ach so, das.“ Matreus angelte die rote Mütze mit der weißen Bommel von seinem blonden Haarschopf herunter. „Das hab ich oben einem Kind geklaut“, erklärte er kleinlaut, „auf dem Weihnachtsmarkt.“ Zanrelot zog genervt die Augenbrauen hoch. Wurde sein Schüler denn nie erwachsen? „Ich frage mich zwar, was zur Hölle du auf dem Weihnachtsmarkt zu suchen hast und wie man so etwas Hässliches anziehen kann, aber da du damit ein Kind geärgert hast, will ich darüber hinwegsehen.“ Matreus grinste dankbar.

Zanrelot hatte kurz die Augen geschlossen, doch als er sie wieder öffnete... „Matreus! Was zum Teufel tust du da?“ „Nicht gucken, Meister! Soll doch eine Überraschung sein.“ „Eine...?“ „Nicht gucken!“ „Na gut. Ich will’s auch lieber gar nicht wissen.“ Mit geschlossenen Augen war die Übelkeit sowieso erträglicher.

„Fertig! Ihr dürft gucken, Meister!“ Stolz strahlend stand Matreus neben dem... dem... - Zanrelots Augen weiteten sich vor Entsetzen – dem Weihnachtsbaum! „Äh, er ist... grün!“ beeilte sich Matreus klarzustellen, „zanrelotisch grün! Und ich habe ihn ausschließlich mit giftgrünen Kugeln, schwarzen Kerzen und silbernem Lametta geschmückt, passend zum Ambiente der Unterwelt.“ Matreus legte den Kopf schief und setzte seinen kindlichen Dackelblick ein. „Hmpf“, machte Zanrelot unergründlich. Matreus fand, dass das schon eine sehr positive Reaktion für ihn war.

Als krönenden Abschluss befestigte er ein silbernes „Z“ auf der Spitze des Bäumchens und summte dabei ein Lied vor sich hin, das er auf dem Weihnachtsmarkt aufgeschnappt hatte. „Hör auf!“ knurrte Zanrelot angewidert, „das kenne ich, das Ding ist uralt: ‚Leise rieselt der Schnee’. Ich kann es nicht leiden, es erinnert mich an Schneekugeln, und die Dinger mag ich nicht. Frag mich nicht, wieso, aber ich kann Schneekugeln nicht ausstehen.“ Gehorsam hörte Matreus auf zu summen.

Der Zauberlehrling verknotete nervös die Finger ineinander und schien Mut für etwas zu sammeln, was er unbedingt loswerden wollte. Zanrelot machte sich auf das Schlimmste gefasst. Heute war sowieso nicht sein Tag. „Falls du um eine Gehaltserhöhung bitten möchtest“, baute er gleich vor, „darf ich dich daran erinnern, das du gar kein Gehalt beziehst.“ Matreus nickte. Das war es nicht. Ihn trieb etwas ganz anderes um. Er hatte beschlossen, dem Meister heute endlich zu sagen und zu zeigen, was der immer übersah: dass Matreus ihn liebte wie einen Vater! Das muss man aber sehr diplomatisch anfangen, bei jemandem, dem erstens von Liebe schlecht wird und der zweitens dazu neigt, vor Wut grüne Strahlen auf seinen Schüler abzuschießen. Die Variante „Papi, ich hab dich lieb“ hatte er daher bereits verworfen, ebenso wie die Worte „Frohe Weihnachten, Daddy Cool!“ (Obwohl er auf diese letzte Formulierung echt stolz war!)

Oh, wenn es doch so einfach wäre wie in dem Film, den Matreus sich einmal heimlich im Oberwelt-Kino angesehen hatte: „Luuuke, ich bin dein Vater!“ Nein, so einfach würde Zanrelot es ihm nicht machen. Schade, denn der röchelnde Typ aus dem Film war recht sympathisch und hätte vielleicht sogar Z gefallen. Aber, nein, so etwas würde der nie sagen. Außer vielleicht zu Jona... Ach, lieber nicht dran denken!

Manches zeigt man einfach besser, als es auszusprechen. Taten sagen ohnehin mehr als Worte. Matreus übersprang also die Einleitung und erklärte ohne Umschweife: „Meister, ich habe ein Geschenk für Euch!“ Für einen kurzen Moment leuchteten Zanrelots Augen hoffnungsvoll-giftgrün auf. „Hast du die elenden Wächter endlich gefangen? Wo sind sie?“ Doch Matreus’ schuldbewusster Blick machte jedes Weiterfragen überflüssig und jede Hoffnung zunichte.

„Was zur Hölle willst du mir dann schenken?“ seufzte Zanrelot, „es gibt nichts anderes, was ich haben will. Außer natürlich die absolute Macht über Lübeck oder gleich die ganze Welt.“ Matreus lächelte geheimnisvoll. „Na ja“, deutete er an, „es kommt dem ein klein wenig nahe...“ Zanrelot machte große, grüne Augen. „Wie... nahe?“ „Nun ja, ich kann Euch heute nicht die Macht über Lübeck verleihen, aber doch die Fähigkeit, dort oben herumzuspazieren. Vorübergehend, aber immerhin.“ „Wie soll das gehen? Ich bin längst nicht bei 100%.“ „Es gibt einen anderen Weg.“ „Und der wäre?“ „Na ja...“ Matreus verknotete wieder die Finger und sah seinen Meister von unten herauf treuherzig an. „Also, ich habe da oben jemanden getroffen, der sagt, er könnte das einrichten. Allerdings nur heute. Er hat nur heute Macht, an diesem einen Tag des Jahres.“

„Er hat Macht? Magische Macht? Was ist er, ein Zauberer?“ „Nein, ein Geist.“ „Ach, du grüne Neune! Geister machen nur Ärger! Denk an Tante Hedda! Vergiss den Typen! Falls ihr da oben verabedet seid, geh einfach nicht hin! Solche Gespenster sind lästiger als Vertreter!“ Matreus starrte angestrengt auf den Boden und knetete seine Finger, bis sie völlig blutleer waren. „Na ja,... die Sache ist die,... ich habe ihn gleich mitgebracht. Er wartet draußen.“ Zanrelot sprang entgeistert aus seinem Sessel. „Du schleppst mir solches Gesocks hier zuhause an, ohne zu fragen? Bist du von allen bösen Geistern verlassen?“

Matreus war nahe am Heulen. „Bitte, Meister“, flehte er, „seht ihn Euch doch wenigstens an, wenn er nun schon einmal hier ist! Ihr könnt ihn ja immer noch wegschicken. Aber wenn er Euch wirklich an die Oberfläche bringen könnte, das wäre doch toll!“ Er hatte sich doch so viele Gedanken um sein Geschenk gemacht! Und sich so darauf gefreut, Zanrelot da oben alles zu zeigen! Man könnte so viel zusammen unternehmen. Zum Beispiel ins Kino gehen und dieses Luke-Teil gucken. Oder höllisch-schweflige Stinkbomben, als Weihnachtsgeschenke verpackt, vor die Haustüren legen. Die Möglichkeiten waren nahezu unbegrenzt.



Zuletzt von Smilla Sly am Mi Dez 24, 2008 1:44 pm bearbeitet; insgesamt 1-mal bearbeitet

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2 (Teil 2) am Mi Dez 24, 2008 2:28 am


„Bitte!!!“ „Ach, zur Hölle, von mir aus! Aber nur, damit du Ruhe gibst.“ Matreus strahlte. „Ich hol ihn!“ Zanrelot nahm zur Sicherheit einen großen Schluck des stärkenden, giftgrünen Elixiers, um besser auf alles gefasst zu sein. Vorsichtshalber setzte er sich auch wieder. Er nahm einen weiteren Schluck – und hustete ihn prompt aus, als der Gast die Zentrale betrat, in Begleitung von Matreus. Der Besucher hatte das übliche, durchscheinend-blasse Aussehen eines Geistes, aber keinen weißlichen oder grünlichen, sondern einen rötlichen Schimmer: Er trug die gleiche, alberne Mütze wie Matreus vorhin und den dazu passenden Mantel: alles rot mit weißem Pelzrand. „Du bist der... dieser...“, überlegte Zanrelot angewidert, „der Weihnachtsmann oder Nikolaus, oder ist das derselbe? Jedenfalls dieser Idiot, der Kindern Geschenke bringt. Wie kann man diesen kleinen Biestern auch noch einen Gefallen tun? Und was sucht einer wie du in der Unterwelt?“ Der ungewöhnliche Gast hob abwehrend die Hände: „Langsam, langsam! Immer der Reihe nach: Der Weihnachtsmann ist weder dünn, noch durchscheinend, und er würde dich auch kaum besuchen, Zanrelot. Außerdem sagt er ‚hohoho’ und ich sage ‚hu’.“ „Was?“ „Huuuuuuuuu!“

Zanrelot wich vor dem eiskalten Atemhauch des Geistes zurück. „Verstehe“, murmelte er, „ein Geist halt. Und warum dann diese alberne Aufmachung?“ Der Besucher erwiderte achselzuckend: „Ich bin der Geist der Weihnacht.“ „Geist der... Weihnacht? Sowas gibt es? Albern, wirklich albern. Aber ich würde niemals für unmöglich halten, dass es irgendetwas gibt. Ich bin ja nicht so unhöflich wie gewisse Leute, die z.B. mir direkt ins Gesicht sagen, ich sei nur eine Sagengestalt. Pah!“ Der Geist sah ihn ernst, beinahe mitfühlend an: „Keine Sorge, ich weiß, dass du existierst“, sagte er, „ich kenne dich seit etwa fünfhundert Jahren.“ Zanrelot musterte ihn misstrauisch: „Wann sollen wir denn bitte das zweifelhafte Vergnügen miteinander gehabt haben? Ich wüsste nicht, wann du dich mir vorgestellt hättest.“ Der Geist lächelte. „Nun, ich muss gestehen, vorgestellt habe ich mich nicht. Du hast mich bisher nie gesehen. Ich dich aber schon!“ „Wie unfair“, murmelte Zanrelot, aber das war er ja gewohnt. Die ganze Welt war fürchterlich ungerecht eingerichtet und ließ einem Schwarzmagier oder Dämon selten eine Chance.

„Komm, Zanrelot!“ sagte der Geist plötzlich mit unerträglich weicher Stimme und streckte auch noch die Hand nach ihm aus. Er würde einen Teufel tun, sie zu ergreifen! Stattdessen verschränkte er demonstrativ die Arme vor der Brust und starrte den Eindringling feindselig an. „Warum sollte ich?“ „Weil ich dir etwas zu bieten habe“, behauptete der Geist, „wie Matreus sagte: einen Ausflug in die Oberwelt. Vielleicht sogar mehrere.“ Zanrelot spürte, wie er schwach wurde. Er hätte ja zu gern mal die Luft dort oben geschnuppert! Aber konnte er diesem Wesen trauen? Er hatte weder das Gefühl, dass es ihm gut tun könnte, noch dass es überhaupt zu einem solchen magischen Kraftakt fähig wäre. Der Geist schien seine Zweifel zu spüren. „Komm!“ wiederholte er freundlich, „ich verspreche dir, dass ich dich immer wieder heil in deine Unterwelt zurückbringen werde. Großes Geisterehrenwort!“ Zanrelot war sich zwar nicht sicher, wieviel Geisterehre wert war, aber die Verlockung war zu groß. „Also gut“, willigte er widerstrebend ein, „dann zeig mir die Welt da oben, - wenn du kannst!“

Erfreut ergriff der Geist Zanrelots Hand – und zuckte bei der Berührung des einzelnen grünen Fingernagels zurück wie vom Blitz getroffen. Zanrelot lachte, halb spöttisch, halb verzweifelt. „Ah ja, so weit ist es also mit deiner magischen Widerstandsfähigkeit her! Und mit deinen Möglichkeiten, mich nach oben zu bringen. Vergessen wir die Sache und tun so, als wäre nichts gewesen.“ Er lehnte sich seufzend im Sessel zurück. Es war doch immer das Gleiche: Es gab keine Gerechtigkeit auf dieser Welt, nicht für ihn, und auch keine Hoffnung. Man sollte sich nie welche machen, sonst wurde man nur umso bitterer enttäuscht.

Matreus, der Erfahrung damit hatte, seinen Meister zu enttäuschen, räusperte sich und wagte, einen Vorschlag zu machen: „Verzeihung, wenn ich mich einmische, aber wie wäre es, wenn der werte Herr Geist einfach Eure andere Hand nimmt, Meister? Ist nur so eine Idee...“ Zanrelot richtete sich ruckartig im Sessel auf. Seine Augen leuchteten auf. „Das ist...“ Hastig bemühte er sich, die Begeisterung aus seiner Stimme zu verbannen und fuhr möglichst gleichmütig fort: „Das ist einen Versuch wert.“ Huldvoll hielt er dem Geist seine rechte Hand hin. Dies war nicht seine Zauberhand (er war Linkshänder) und vor allem hatte sie keinen zauberkräftigen Nagel. Und tatsächlich, es hatte keinerlei Folgen für den Geist, als er diese Hand hielt. Er lächelte zufrieden und lockte: „Na, dann komm, Zanrelot, komm!“ Der Herrscher der Finsternis erhob sich zaghaft, als könnte er immer noch nicht recht glauben, dass weder er selbst, noch der Geist unter der Berührung litt und dass der ungewöhnliche Besucher ihn vielleicht tatsächlich in die Oberwelt bringen könnte.

Er machte ein paar zögernde Schritte an der Hand des Geistes, vorsichtig wie ein Kind, das gerade erst laufen lernt. Während er noch darüber nachdachte, welchen Weg in die Oberwelt der Geist wählen würde und ob er ihn tatsächlich mit durchbringen könnte, - fand er sich schon in einer fremden, kalten Welt wieder. Unwillkürlich zog er seinen Umhang fester um sich. Wohltuende Dunkelheit umgab ihn, nur von einzelnen Lichtquellen erhellt, wie er es gewohnt war. Aber etwas Kaltes strich an seiner Haut entlang und er erkannte es nicht gleich als einen Luftzug. Es war so unendlich lange her, dass er, ein Kind der Meeresküste, Wind gespürt hatte! Das Kalte drang zu seinem Schrecken sogar tief in ihn selbst ein, als er Luft holte. Es war schneidend, fast schmerzhaft und doch auf eine seltsam frische Weise angenehm. Entsetzlich fremd und doch von irgendwoher – ganz weit her – merkwürdig vertraut. Das Kalte duftete salzig und er sog diesen schmerzhaften Genuss mit jedem Atemzug neu ein. Er blickte sich nach allen Seiten um. Er kannte diese Stadt. Er kannte sie natürlich! Das war Lübeck. Nicht mehr ganz das Lübeck, in dem er selbst einst gelebt hatte, doch die Veränderungen überraschten ihn nicht. Er hatte den Wandel dieser Welt über all die Jahrhunderte auf seinen Bildschirmen mitverfolgt. Er wusste alles über diese Stadt – dachte er. Aber er hatte nicht gewusst, wie sie sich anfühlte oder roch. Nicht mehr, schon lange nicht mehr. Matreus, der neben ihm stand, wusste es. Für ihn war diese Umgebung so vertraut, wie die unten. Er bewegte sich völlig unbefangen darin. Aber Zanrelot... Er wagte zwei kleine Schritte und erstarrte: Unter seinen Füßen knirschte der Boden! Würde er gleich unter ihm einbrechen und ihn dorthin zurück befördern, wo er nach der Ordnung der Dinge eben hingehörte? Er schloss die Augen und wartete auf einen tiefen Fall, doch nichts geschah. Der Boden unter seinen Füßen blieb fest und tat sich nicht auf, um ihn zu verschlingen. Er warf einen Blick auf seine Füße und sah, dass er mit seinen blankpolierten, schwarzen Schuhen in einer weißen Masse stand. Das war doch... Er hob den Blick etwas höher und starrte irritiert und fasziniert auf seine Hände. Etwas ließ sich darauf nieder, zart und leicht und weiß wie Federn, aber kalt. Doch wenn es ihn berührte, ging es kaputt. Na, das war ja wieder typisch!

Matreus lief ausgelassen in dem knirschenden Zeug herum, hob Händevoll davon auf, formte sie zu Kugeln und warf sie sinnlos durch die Gegend. Zanrelot beobachtete die tanzenden weißen Pünktchen, die seinen Schüler umgaben und die weißen Wolken, die sein Atem formte, wie magischen Rauch. „Was tust du da, Matreus?“ fragte er, aber so leise, dass es nur der Geist neben ihm hörte. „Er spielt im Schnee“, erklärte der, „und nun sag nicht, das hättest du nie getan!“ Zanrelot sah ihn stirnrunzelnd an: „So etwas?“ Der Geist nickte ernsthaft: „Ja, so etwas. Aber da du ein alter Zweifler bist, muss ich es dir beweisen. Sieh mir in die Augen, Zanrelot! Ich bin nun... der Geist der vergangenen Weihnacht!“ In diesem Augenblick schien es, als hüllte der weiße Nebel, den Matreus ausatmete, sie alle vollständig ein.

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3 (Teil 3) am Mi Dez 24, 2008 2:30 am

Als der Nebel sich lichtete, stand Zanrelot immer noch mit Matreus und dem Geist im Schnee, mitten in Lübeck. Aber es war heller Tag, so hell, dass das ungewohnte Licht in seinen Augen schmerzte. Und dies war das wahre, das alte Lübeck! Keine Autos, keine breiten Straßen oder modernen Häuser. Kinder spielten in den engen Gassen und auf dem Platz, auf dem sie standen, wuselten direkt um sie herum, ohne sie zu beachten. Ein kleines Mädchen rannte schließlich sogar mitten durch Zanrelot hindurch! „Huch!“ rief er aus, „das war aber sehr respektlos! Aber auch ziemlich unerschrocken. Wieso hat sie keine Angst vor mir?“ „Sie können uns nicht wahrnehmen“, erklärte der Geist. „Ach so, nur deshalb“, knurrte Zanrelot leise.

Er beobachtete zwei Gruppen von Kindern, die sich gegenseitig mit Schneebällen bewarfen. Die einen trugen warme, bunte Gewänder. Die anderen waren in ärmliche Lumpen gehüllt, durch die der eisige Wind pfiff. Aber diese Kinder waren flinker und wendiger und verpassten den Gegnern manchen Volltreffer in die dick eingemummelten, geröteten Gesichter. Besonders ein schmächtiges Kerlchen tat sich in dieser Kunst hervor. Es mutete fast wie ein Wunder an, wie genau er immer traf. Die getroffenen Kinder stießen Schmähworte wie „Bastard“ und „Lumpenkind“ gegen ihn aus, aber sie schafften es nicht, ihm eine Ladung Schnee zu verpassen. Er duckte sich immer zu geschickt weg. Über die Beschimpfungen lachte er, und von seinen eigenen Verbündeten erntete er umso mehr Lob: „Ja, gib’s ihnen! Zeig’s den Schmerbäuchen, Franz! Du bist der Größte!“ Nun ja, der Größte war er gerade nicht, jedenfalls körperlich. Genau gesagt, war er der zierlichste von allen. Aber er sah intelligent und energiegeladen aus und genoss offenbar den Respekt seiner kleinen Kameraden. Ihr Anführer und der Schrecken seiner Gegner, das schien er zu sein.

Die Schneeballschlacht war bald darauf zu Ende. „Wir müssen heim“, erinnerte eines der gutgekleideten Kinder die anderen, „es wird bald Abend, wir wollen Weihnachten feiern.“ Sie stürmten zu ihren Elternhäusern, in Erwartung von gutem Essen und Geschenken. Auch die ärmlichen Kinder gingen heimwärts, doch sie hatten es weniger eilig, denn sie hatten nicht viel zu erwarten.

Der Geist der Weihnacht und seine beiden Begleiter folgten unsichtbar dem kleinen Franz. Er hatte den weitesten Weg von allen Kindern, bis zu einer baufälligen Hütte am Stadtrand. Der Wind pfiff durch die Ritzen und im Herd brannte kein Feuer. Aber eine andere Art von Wärme empfing ihn: die Herzlichkeit seiner Mutter, die ihn liebevoll in die Arme schloss. „Na, Franz“, erkundigte sie sich, „hast du dich wieder tapfer geschlagen?“ Er nickte. „Ja, aber jetzt sind alle heimgegangen, Weihnachten feiern.“ Seine Mutter blickte einen Moment lang wehmütig aus dem Fenster in das Flockentreiben, dann lächelte sie und sagte: „Wir wollen auch Weihnachten feiern, komm!“ Sie setzte sich auf einen Stuhl und der kleine Franz kuschelte sich auf ihren Schoß. So wärmten sie sich gegenseitig. Die Mutter schenkte ihrem Kind das Einzige, was sie zu geben hatte: ihre Zeit, ihre Liebe und viele, viele Geschichten, die sie ihm in dieser Nacht erzählte. Außerdem hatte sie mühsam einen Apfel ergattert, den Franz, obwohl er hungrig war, nicht gleich verspeiste, sondern andächtig während der ganzen Zeit in den Händen hielt. „Es ist keiner von den blanken, roten Weihnachtsäpfeln“, hatte die Mutter sich entschuldigt und Franz hatte entgegnet: „Die grünen mag ich sowieso viel lieber.“

Zanrelot hatte sich seit langer Zeit nicht mehr gerührt. Nun starrte er wie gebannt auf diesen hellgrünen Apfel und streckte begehrlich die Hand danach aus. Doch sie ging durch ihn hindurch wie durch leere Luft. Der Beobachter hatte ganz vergessen, dass er sozusagen gar nicht anwesend war. Er warf verlegene Seitenblicke auf Matreus, der tat, als hätte er nichts gesehen, und auf den Geist der Weihnacht, der unangenehm nachsichtig lächelte.

Die Nacht war lang und finster und kalt. Die Mutter erzählte tapfer weiter und weiter Geschichten und der kleine Junge auf ihrem Schoß wurde immer müder, wollte aber nicht schlafen. „Kommt Vater heute noch?“ fragte er von Zeit zu Zeit, und immer erwiderte die Mutter: „Ich weiß nicht, ob dein Vater heute kommen kann.“ Ihre Stimme klang mit jedem Mal trauriger.



FORTSETZUNG FOLGT!!!

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4 (Teil 4) am Mi Dez 24, 2008 1:30 pm

SO, ENDLICH GEHT ES WEITER:


Tief in der Nacht, als der Kleine endlich eingeschlafen war, wurde er von einem Poltern an der Tür wieder geweckt. Zanrelot, der selbst vor Langeweile fast schlief, schreckte hoch. Er sah den Jungen vom Schoß der Mutter springen und die Tür aufreißen. In der Öffnung stand ein stattlicher, bärtiger Mann im langen, roten Mantel. „Na toll“, knurrte Zanrelot, „jetzt kommt der Weihnachtmann! Hör mal zu, Geist, du solltest besser recherchieren, wenn du mich in die Vergangenheit entführen willst! Erstens glaubte damals noch niemand an so einen Schwachsinn wie den Weihnachtsmann. Zweitens wäre er zu uns nicht gekommen. Und drittens wird mir das jetzt zu kitschig, bring mich heim!“

Der Geist lächelte still in sich hinein. „Nicht so hastig, Zanrelot!“ mahnte er, „sieh doch genauer hin!“ Zanrelot tat es widerwillig. Was blieb ihm auch anderes übrig? Doch dann riss er vor Überraschung die Augen weit auf. Der Geist hatte ihn kalt erwischt! „Aber... das ist ja...“, stammelte er. Er schluckte schwer und konnte den Blick nicht von dem bärtigen Mann lassen. „Vater!“ flüsterte er ergriffen. Doch natürlich konnte der ihn nicht hören. Er hatte den kleinen Jungen hochgehoben und wirbelte ihn lachend durch die Luft. „Frohe Weihnachten, Meister Franz!“ rief er. Dann setzte er ihn sanft auf dem Boden ab und gab seiner Mutter einen Kuss. „Frohe Weihnachten, Zilla!“ „Frohe Weihnachten, Jürgen!“ entgegnete sie mit müder Stimme. Er reichte ihr einen Korb. „Hier, das dürfte für die nächsten Tage reichen“, meinte er, „alles gute Sachen aus dem Ratskeller. Ihr sollt doch an Weihnachten nicht darben müssen.“ Während Zilla staunend die guten Sachen auspackte und auf dem Tisch drapierte, nahm Jürgen Wullenwever mit einem geheimnisvollen Lächeln Franz beiseite. „Und das ist ganz allein für dich!“ verkündete er und zog ein Paket aus seinem Beutel. Mit vor Aufregung zitternden Fingern packte Franz es aus. Ein warmer Mantel kam zutage, aus gutem, teurem Stoff, purpurrot wie der des Vaters. Jürgen Wullenwever hängte ihn seinem Sohn um die Schultern und betrachtete ihn stolz. „Nun siehst du selbst aus wie der Bürgermeister höchstpersönlich“, scherzte er, „ich glaube, eines Tages wird dir diese Stadt gehören.“ Zilla strich andächtig über den guten Stoff, doch bei diesen Worten fiel sie Wullenwever scharf ins Wort: „Setz dem Kind keine Flausen in den Kopf! Du weißt so gut wie ich, dass einer wie er keine Chancen auf dieser Welt hat. Er ist nur dein Bastard, er kann niemals dein Erbe antreten. Der Sohn einer Magd! Diese Stadt tritt nach Kindern wie ihm.“ „Und Kinder wie er stehen immer wieder auf“, entgegnete der Bürgermeister, „mein Franz ist nämlich etwas ganz besonderes. Er ist schlauer als all die verzogenen Bengel aus den guten Familien, und er hat mehr Überlebenswillen und Ehrgeiz als sie alle zusammen! Und er hat etwas Besonders an sich, ich weiß nicht, was es ist... Eine Begabung, irgendetwas... Nicht wahr, Franz, ich habe doch recht? Kinder wie du stehen immer wieder auf, wenn diese Stadt nach ihnen treten oder schlagen sollte?“ Franz grinste frech. „Kinder wie ich schlagen zurück!“

Er drehte sich um die eigene Achse und genoss es, in dem neuen Mantel so schön und würdevoll auszusehen. „Aber zum Spielen ziehe ich ihn lieber nicht an“, überlegte er, „sonst denken meine Freunde noch, ich wäre einer von den Schmerbäuchen.“ „Die Schmerbäuche!“ lachte sein Vater, „die Kinder meiner Speichellecker im Rathaus und meiner reichen Feinde in der Bürgerschaft. Hast du es ihnen heute wieder ordentlich gezeigt?“ „Ich habe sie mit Schnee beballert, bis sie nicht mehr konnten! Und wenn Lübeck nach mir tritt, kriegt es eine eine volle Ladung mitten auf die Nase! Hm, ich meine, auf den Rathausturm! Zack!“ Wullenwever lachte dröhnend. “Ich sag’s doch, diese Stadt wird dir gehören, Kleiner! Bei deinem Dickschädel? Nicht anders möglich. Und wenn es hundert oder tausend Jahre dauern sollte!“

Zilla hatte sich an ihn gelehnt und sah ihm besorgt ins Gesicht. „Jürgen“, mahnte sie leise, „lass den Unsinn! Denk lieber daran, wie lange diese Stadt noch dir gehören wird! Die Gerüchte auf dem Markt machen mir Angst. Du hast so viele mächtige Feinde. Ich kann nachts nicht schlafen aus lauter Sorge um dich.“ Der Bürgermeister machte ihr ein Zeichen, still zu sein. „Nicht vor dem Kind“, flüsterte er. Doch Franz hatte alles gehört. „Sie werden dir nichts antun, Vater, oder?“ fragte er. „Aber nein“, beruhigte Wullenwever ihn. „Und wenn doch“, sagte Franz sehr ernsthaft, „dann werde ich dich rächen. Das schwöre ich!“ „Ach, Franz...“ Wullenwever lächelte gutmütig, „das wird nicht nötig sein. Aber nun kann ich leider nicht länger bleiben. Und auch du gehörst ins Bett.“

„Wir gehen auch“, sagte der Geist der Weihnacht. Zanrelot zuckte zusammen. „Nein!“ rief er beinahe flehend, räusperte sich sofort und wiederholte mit festerer Stimme: „Nein, du hast mir gar nicht zu sagen, wann ich wohin gehe.“ „Oh, doch“, antwortete der Geist, „vergiss nicht, heute Nacht habe ich die Macht.“ Und wieder legte sich dichter Nebel um die drei. „Wozu überhaupt das Ganze?“ beschwerte sich Zanrelot, „erst schleppst du mich hierher, dann wieder fort!“ „Ich wollte dir nur zeigen“, erklärte der Geist, „dass du einmal recht glücklich in dieser Stadt warst. Auch wenn sie schon damals ungerecht und nicht gut zu dir war.“ Zanrelot schnaubte bitter. „Glücklich! Ach ja! Sicher, ich habe fröhlich mit meiner Mutter Weihnachten gefeiert und Silvester und auch Neujahr. Den Beginn des Jahres, in dem die Pest sie geholt hat! Frag mich mal, wie glücklich ich am nächsten Weihnachtsabend war!“ „Lass uns nachsehen...“







Der Nebel lichtete sich wieder – und entließ sie mitten in das lärmende Treiben eines mittelalterlichen Wirtshauses. Auch hier feierte man Weihnachten, doch keineswegs still und besinnlich. Die Gäste, allesamt Männer des mittleren bis gehobenen Bürgerstandes, hatten dem Bier bereits eifrig zugesprochen und ihre Weihnachtsgesänge waren dementsprechend laut und derb. Zwischen ihnen wieselte ein guter Bekannter emsig hin und her: Franz Olte, ein Jahr älter als in der vorherigen Vision, ein Stückchen größer, aber noch dünner. Andere Kinder seines Alters lagen längst im Bett, aber er mühte sich unermüdlich ab, die Wünsche der ungeduldigen Kunden zu erfüllen und dabei ihren Püffen auszuweichen. Es war eines ihrer Lieblingsspiele, dem Kleinen ein paar blaue Flecken zu verpassen, wenn er vorbei huschte. Aber er verbiss sich eisern jegliche Träne. „Wartet nur“, knurrte er unhörbar, „bis mein Vater hier aufkreuzt! Dann seid ihr sooo klein mit Hut!“

Und tatsächlich, kurz nach Mitternacht kam der Bürgermeister höchstpersönlich zur Tür herein und sofort schlug die Stimmung um. Die braven Bürger konnten plötzlich anständig auf Stühlen sitzen und ihre Stimmen dämpfen. Und selbstverständlich waren sie sehr höflich zu dem Jungen, der sie bediente. Der musste aber auch nicht länger arbeiten, sondern der Wirt gab ihm natürlich frei, um auf Wullenwevers Schoß zu sitzen und mit ihm Weihnachten zu feiern. Erst als der Stadtvater die Schänke verließ, wurde es wieder laut. Lauter noch als vorher und viel weniger fröhlich. Jetzt lag eine böse Stimmung in der Luft. Verwünschungen gegen den Bürgermeister und seinen Bastard wurden ausgestoßen und hinter vorgehaltener Hand hinterhältige Pläne geschmiedet. „Das nächste Weihnachten kannst du ohne deinen feinen Vater feiern!“ versprach der Wirt mit hämischem Lachen dem kleinen Kellner und trat nach ihm, „und jetzt Marsch, an die Arbeit! Sonst gibt es morgen Schläge statt Essen!“

„Mir ist schlecht!“ knurrte Zanrelot, „lasst uns gehen.“ Der Geist der Weihnacht sah ihn mit gespieltem Erstaunen an. „Wieso ist dir jetzt schlecht?“ fragte er, „hast du hier etwa viel Liebe gesehen?“ „Nein!“ fauchte Zanrelot, „aber auch nicht das, was du mir zeigen wolltest: Glück! Sehr glücklich war ich hier, was?“ „Hm“, gab der Geist zu bedenken, „da war sicherlich nicht viel Glück. Aber als du auf dem Schoß deines Vaters saßest, strahlte da nicht Glück aus deinen Augen?“ „Sicher! Hahaha, sicher! Und erst im Jahr darauf, als sie meinen Vater auf die scheußlichste Weise ermordet und zerstückelt haben! Was meinst du wohl, was da aus meinen Augen strahlte? Rachedurst, Geist, Rachedurst, und der strahlt da noch heute!“ Er ließ seine Augen grellgrün aufleuchten. „Rachedurst und Hass! Die einzigen Menschen, die mir Glück gaben, habe ich vor vielen hundert Jahren verloren, Geist, und seitdem habe ich nicht mehr geliebt.“ „So?“ fragte der Geist mit aufreizender Gelassenheit, „ist das wahr? Dann lass uns sehen...“



Der Nebel hüllte sie wiederum ein und gab sie an einem anderen Weihnachtsabend frei. Doch hier wurde das Fest nicht gefeiert. Hier hauste der Schwarze Abt. Zanrelot ging, wie magisch angezogen, auf die Gestalt im Kapuzenmantel zu, doch ebenso unwillkürlich stoppte er in gebührendem Abstand. „Dein Lehrer kann dich nicht wahrnehmen“, erinnerte ihn der Geist der Weihnacht, doch ebenso wenig schien ihn Zanrelot zu registrieren.

Wie ein roter Faden, der sich durch alle Weihnachtsepisoden zog, war auch hier wieder der kleine Franz Olte anwesend. Er saß an einem Schreibpult in dem finsteren Gemäuer und pinselte sorgfältig Pentagramme und andere magische Zeichen ab, die sein Lehrer an die Tafel gezeichnet hatte. Schulfrei gab es nicht, schon gar nicht aus einem Anlass wie Weihnachten! Erst nach einer ausführlichen Unterweisung in die Bedeutung der einzelnen Symbole durfte er sich erheben. Er verneigte sich ehrfürchtig vor dem Schwarzen Abt und verließ den Raum. Die drei unsichtbaren Gäste folgten ihm nach draußen.

Auch an diesem Weihnachtsabend lag Schnee in Lübeck. Franz bückte sich, nahm eine Handvoll auf und formte einen Schneeball. Doch nur einen kleinen Moment lang war er versucht, ihn auch zu werfen. Dann legte er ihn auf dem Boden ab und sah sich nach allen Seiten um, als hätte er etwas Verbotenes getan. Er blickte in die Ferne, wo festlicher Lichtschein aus den Fenstern drang. Dann kauerte er sich in eine Mauernische, sicherte nochmals nach allen Seiten, ob ihn auch niemand beobachtete, und formte erneut kleine Schneebälle. Zwei legte er auf eine erhöhte Mauerzinne, blickte hoch zum sternklaren Nachthimmel und flüsterte: „Die sind für euch. Frohe Weihnachten, Mutter! Frohe Weihnachten, Vater!“ Den dritten legte er auf die Türschwelle des finsteren Gemäuers, in dem der Schwarze Abt hauste: „Frohe Weihnachten, Meister!“ Er sagte es sehr, sehr leise, damit der Beschenkte es nur nicht hörte. Nun war noch ein letzter Schneeball übrig. Den nahm er in beide Hände und wisperte: „Frohe Weihnachten, Franz!“ Rasch korrigierte er sich: „Frohe Weihnachten, Zanrelot!“ Dann sah er zu, wie das Geschenk in seinen warmen Händen schmolz.

Der erwachsene Zanrelot war leicht zusammengezuckt, als sein kindliches Ich „Frohe Weihnachten, Zanrelot!“ gewünscht hatte. Er sah sich rasch nach seinen Mit-Zeitreisenden um. Der Geist blickte möglichst neutral vor sich hin. Aber Matreus musterte seinen Herrn sehr interessiert, erstaunt und leicht amüsiert. „Aha“, sagte er gedehnt, „’Frohe Weihnachten, Meister!’ So so!“ Zanrelot warf ihm einen vernichtenden Blick zu und er verstummte. Doch er beobachtete sehr genau weiter den kleinen Knirps.

Kurz darauf füllte ein langer Schatten die Türöffnung des Gemäuers und fiel hinaus auf den Hof. Der Junge schreckte hoch, als der weiße Schnee sich so plötzlich schwarz färbte. „Meister!“ Eilig sprang er auf. „Zanrelot, was tust du da draußen?“ fragte der Schwarze Abt streng. „N... nichts, Meister! Ich denke nur nach. Über das, was ich heute gelernt habe.“ „Ah, das ist gut. Aber was ist das?“ Die düstere Gestalt deutete mit einem langen, dürren Finger auf den kleinen Schneeball auf der Schwelle. Ach, ihm entging auch nichts! „Nichts!“ log der Kleine rasch, aber seine Stimme zitterte verräterisch. Der Schwarze Abt sah ihn scharf an, dann hob er eine Hand über den Schneeball und murmelte drei leise Zauberworte. Und der Schneeball sprach mit menschlicher Stimme, mit Zanrelots Kinderstimme: „Frohe Weihnachten, Meister!“

Der Schwarze Abt durchbohrte seinen kleinen Schüler mit einem vernichtenden Blick. „Ein Weihnachtsgeschenk?“ fragte er mit eisiger Stimme, „ein Geschenk zum Fest der Liebe, für einen schwarzen Magier? Schämst du dich nicht?“ Bei dem Wort „Liebe“ hatte er vor Abscheu und Verachtung in den Schnee gespuckt. Das Kind wurde unter seinem vernichtenden Blick immer kleiner. Doch dann streckte es sich und sagte hastig: „Aber, aber... es ist ja noch nicht fertig!“ Zanrelot bückte sich flink nach dem Schneeball und zeichnete mit dem Finger ein Pentagramm hinein. Dann reichte er sein kleines Kunstwerk dem Abt. Der stutzte... Dann lächelte er! Das geschah nur sehr, sehr, sehr selten. Es war nicht gerade ein herzliches Lächeln, aber immerhin lag ein gewisser Stolz darin, der den Jungen ein klein wenig an seinen Vater erinnerte. „Das allerdings schätze ich an dir, Zanrelot“, gab der Abt zu, „deine List. Und deine magische Begabung. Beides habe ich früh erkannt. Aber du musst dringend lernen, deine menschlichen Gefühle loszuwerden, sonst nutzt das alles nichts.“ „Alle menschlichen Gefühle, Meister?“ fragte der Zauberschüler ziemlich verzagt. „Nicht alle“, erwiderte sein Lehrer, „pflege nur immer deinen Hass und deine Wut, die werden dir helfen!“ Der Junge nickte eifrig. „Ja, Meister. Ich habe genug Hass und Wut! Ich will Rache für das, was diese Stadt meinem Vater und mir angetan hat. Ich habe es geschworen.“ „Gut“, lobte der Abt und seine Augen funkelten eiskalt, „sehr gut! Höre auf meine Lehren und du wirst deine Rache bekommen! Und Macht, Zanrelot, mehr Macht, als du dir vorstellen kannst! Niemand wird dann je mehr nach dir treten. Verliere diese Ziele nie aus den Augen!“ „Nie, Meister, nie. Ich verspreche es Euch.“ Der Abt wandte ihm den Rücken zu und ging zurück in seine düstere Behausung. „Komm, Zanrelot! Wir müssen die Flüche für die Neujahrsnacht vorbereiten.“ Sein Schüler lief ihm nach. Aber hinter seinem Rücken zog er das Medaillon unter seinem schwarzen Wams hervor: das Medaillon seiner Mutter, mit dem „Z“ darauf und dem Bildnis seines Vaters darin. Er küsste es hastig und ließ es dann verstohlen wieder unter seine Kleidung gleiten. Er gab sich wirklich Mühe, den Schwarzen Abt nicht zu enttäuschen. Aber ausnahmslos jeden Wunsch konnte er ihm nicht erfüllen. Dieses Medaillon würde er noch knapp 500 Jahre später küssen, bevor er seinem Lehrer unter die Augen trat...

Die drei Besucher aus ferner Zeit blieben draußen stehen, als sich die Tür schloss. Zanrelot starrte noch lange auf die verschlossene Pforte. Ohne es zu merken, hatte er die Finger um das Medaillon um seinen Hals gekrallt. „Komm“, sagte der Geist sanft, „lass uns weitergehen.“ Matreus sah nachdenklich aus. „Meister“, sagte er vorsichtig, „Euer Lehrer... Er hat Euch nicht allzu gut behandelt, oder?“ Zanrelot fuhr zu ihm herum. „Pass auf, was du sagst!“ zischte er, „auf diesen Schwarzen Abt lasse ich nichts kommen. Er war der Einzige, der sich meiner annahm.“ Matreus sagte nichts mehr, aber in dem Blick, mit dem er seinen Meister ansah, lag mit einem Mal so etwas wie Vertrautheit, und Zanrelot ließ es widerspruchslos zu.

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5 (Teil 5) am Mi Dez 24, 2008 1:36 pm

„Wo gehen wir jetzt hin?“ fragte Zanrelot den Geist mit müder, tonloser Stimme. „Zu einem weiteren Weihnachten der Vergangenheit“, antwortete der unerbittlich. Und wieder trug sie der Nebel fort in ein anderes Jahr.

Wieder wartete eine Mutter mit einem kleinen Kind auf dem Arm ungeduldig in der Weihnachtsnacht auf ihren Liebsten, den Vater des Jungen. Doch es war nicht Zilla Olte, und der Kleine auf ihrem Arm war noch ein Säugling und hieß nicht Franz. „Schlafe, mein Engelchen, schlafe!“ säuselte die junge Frau und wiegte ihn sanft. „ha, Engelchen!“ krächzte eine unangenehme Stimme aus dem Hintergrund. Eine unsympathische Alte schlurfte heran und betrachtete das Kind voll Verachtung. „Ein Kind der Sünde!“ keifte sie, „und sein Vater: ein Dämon, sage ich dir!“ Die junge Frau funkelte sie erbost an. „Rede nicht solchen Unsinn, Mutter! Er hat die Augen eines Engels, nicht eines Dämons. Und hat nicht sogar die Mutter Gottes ein uneheliches Kind geboren, nachdem sie ein Engel besucht hat?“ Die Alte bekreuzigte sich dreimal und kreischte: „Gotteslästerung! Sünde! Sünde!“ Sie eilte zur Tür – und stieß mit einem nächtlichen Besucher zusammen. „Guten Abend, Frau Levy!“ begrüßte der junge Mann sie höflich und sah sie mit seinen grün leuchtenden Augen eindringlich an, „ich hoffe, ich störe keine friedliche Familienweihnachtsfeier?“ „Ha!“ kreischte die Alte hysterisch, zerrte ein Kruzifix hervor, das sie an einer langen Halskette trug, und streckte es dem Gast entgegen: „Weiche, Satan! Vade retro, Satanas! Aaaah!!!” Heulend und zeternd stürzte sie hinaus in die Nacht.

Die beiden jungen Leute sahen ihr lachend nach. „Zanrelot!“ begrüßte die Frau dann ihren Liebsten, „wie schön, dass du endlich da bist. Jonathan wollte nicht einschlafen ohne dich.“ Der junge Mann nahm ihr das Baby ab und schaukelte es in seinen Armen. „Jona, Jona“, tadelte er es mit weicher Stimme, „du sollst deiner Mutter doch ein braver Junge sein! Frag den Meister, welch ein braver Junge dein Vater ist!“ Das Kind gluckste zufrieden. Doch Zanrelots Lächeln wich bald einem ernsten, bekümmerten Ausdruck. „Hör zu“, gestand er der jungen Frau, „ich werde nicht mehr zu euch kommen können. Vielleicht... vielleicht bin ich kein guter Vater, weil ich es nicht anders kenne. Aber... es ist besser so, glaub mir!“ Der jungen Frau schossen die Tränen in die Augen. „Was sind denn das für Ausreden?“ fragte sie wütend, „was ist wirklich los, Zanrelot? Sag es mir!“ Er senkte den Blick und antwortet leise: „Der Meister... Er würde mich in Stücke reißen... Nicht nur mich, dich!... Ihn!“ Sie wich entsetzt vor ihm zurück. „Jona?“ „Ja. Jona. Hör zu, zieh ihn ohne mich groß, bitte! Er wird dir Freude machen, ganz sicher, er ist kein gewöhnlicher Junge, du wirst sehen! Ich kann jetzt nicht für ihn da sein, aber ich verspreche dir, ich werde ihn nie aus den Augen verlieren! Ich fürchte, er wird mich vergessen. Aber nicht ich ihn!“

In einer plötzlichen Gefühlsaufwallung klammerte sich die junge Frau an ihn. „Nein!“ flehte sie, „Zanrelot, nein! Noch kannst du dich gegen diesen Meister entscheiden und für ein normales Leben mit uns!“ Doch er schüttelte den Kopf. „Nein“, flüsterte er, „nein, dafür ist es schon lange zu spät. Ich werde schon bald gar nicht mehr in der Lage sein, euch zu besuchen. Ich bin nicht wie ihr.“ Sie wollte es nicht wahrhaben. „Nein“, schluchzte sie, „du bist nicht anders. Nein!“ Zanrelot lachte verzweifelt auf. „Nein? Dann sieh her!“ Er drückte ihr das Baby in den Arm und ergriff einen Brieföffner, der auf dem Tisch lag. „Sieh her!“ Vor ihren Augen fügte er seinem Arm einen tiefen Schnitt zu, dass das Blut herauslief – grünes Blut! Sie schrie auf und wich vor ihm zurück. „Gott steh uns bei!“ flüsterte sie entsetzt, „Mutter hat recht: Du bist ein... Oh, Zanrelot, ist Jona auch ein... ein Dämon?“ „Nein, nein“, beeilte er sich zu sagen, obwohl er sich selbst nicht sicher war, „nein, hast du nicht gesehen, bei der Geburt? Sein Blut ist rot, ganz rot.“ Er warf einen letzten, verzweifelten Blick auf Mutter und Kind, dann verließ er fluchtartig das Haus. „Verzeiht mir!“ flüsterte er und verschwand in der Dunkelheit.



Nebel umhüllte gnädig die drei Beobachter, so dass keiner genau Zanrelots Reaktion sehen konnte. Doch die Bemerkung des Geistes war grausam genug: „Nein, du hast seitdem nie mehr geliebt, Zanrelot. Ich sehe es deutlich.“

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6 (Teil 6) am Mi Dez 24, 2008 1:39 pm

Jetzt ließ sich Matreus vernehmen, der sich bisher fast nur als stiller Beobachter im Hintergrund gehalten und sich seine Gedanken gemacht hatte. „Was soll das?“ fuhr er den Geist an, „was für ein mieses Spiel treibst du eigentlich mit meinem Meister? Warum kannst du uns nicht einfach in Ruhe lassen?“ „Ich will euch nur helfen“, behauptete der Geist. „Ah, ja, das sehe ich!“ empörte sich Matreus, „eine tolle Hilfe bist du! Was tust du denn, außer alte Wunden aufzureißen?“ „Ich bin ja längst nicht fertig“, erwiderte der Geist, „lasst mich nur machen! Wir sind jetzt auch durch mit den alten Wunden, das verspreche ich euch. Ich bin nicht länger der Geist der vergangenen Weihnacht. Wir wollen einen Blick auf Gegenwart und Zukunft werfen.“ „Ts“, schnaubte Matreus, „das ist ja auch ganz toll! Soll ich dir mal einen Blick auf die Gegenwart verschaffen, Alter? Die Gegenwart ist, dass mein Meister in der Unterwelt festsitzt und ich mich täglich abmühe, ihm das Leben dort erträglich zu machen und seine Gesundheit zu stabilisieren. Und dass dann irgendso ein Blender daherkommt und große Versprechungen macht und ihn für kurze Zeit nach oben zieht, nur um ihn nachher wieder fallenzulassen. Und dass der Mistkerl diese kurze Zeit dafür nutzt, ihm möglichst wehzutun und ihm das bisschen Kraft, das ich ihm geben konnte, kaputt zu machen!“

Doch Zanrelot fiel ihm ins Wort, auch wenn seine Stimme schwach und müde klang: „Danke, Matreus, aber lass ihn! Ich will diesen Blick in die Zukunft. Vielleicht gibt es wichtige Dinge zu wissen.“ Matreus seufzte und sagte nichts mehr. „Wir müssen aber die Reihenfolge einhalten“, erklärte der Geist, „der Weg aus der Vergangenheit in die Zukunft führt zwingend über die Gegenwart.“ „Von mir aus“, grummelte Zanrelot, „aber mach es kurz!“ „Ich bin nun“, verkündete der Geist daraufhin mit beschwörerischer Stimme, „der Geist der gegenwärtigen Weihnacht!“




Als der Nebel sich endlich wieder verzog, standen die Drei genau am Ausgangspunkt ihrer Reise: im abendlich dunklen, verschneiten Lübeck der Jetztzeit, wo sie zuerst aus der Unterwelt aufgetaucht waren. „Und nun?“ fragte Zanrelot wenig begeistert. „Wir könnten auf den Weihnachtsmarkt gehen“, schlug Matreus vor, doch das besserte die Laune seines Meisters nicht gerade. „Ins Kino?“ wagte Matreus einen vorsichtigen zweiten Vorstoß und dachte an „Luuuuuuke“. Doch der Geist der Weihnacht hatte ohnehin nicht vor, die beiden selbst entscheiden zu lassen. „Folgt mir!“ befahl er kurzerhand und ging voraus, durch die Straßen von Lübeck.

„Wie weit ist es denn noch?“ stöhnte Matreus, nachdem sie schon lange gelaufen waren und die Stadt fast hinter sich gelassen hatten. „Es liegt ein Stück außerhalb“, erwiderte der Geist ungerührt. Zanrelot beklagte sich nicht, obwohl ihm der ungewohnt weite Marsch sichtlich schwer fiel, nachdem die bisherigen Abenteuer ihn doch ziemlich mitgenommen hatten. Mit einem so geringen Energielevel hätte er unter normalen Umständen nicht einmal eine Fingerspitze in die Oberwelt strecken können. Zu sehr genoss er trotz allem den ungewohnten Ausflug in diese Welt. Ausruhen konnte er sich später. Notfalls ein paar hundert Jahre lang, wie der Schwarze Abt.

Matreus trottete mit hängendem Kopf vor sich hin. Für ihn war die Oberwelt nichts Besonderes, die Füße taten ihm allmählich weh und er machte sich Sorgen um den Meister. Irgendwann blickte er auf und rief: „Oh nee! Das ist jetzt nicht wahr, oder? Nee. Nee!“ Zanrelot sah ihn fragend an. “Meister, ich kenne diese Gegend”, regte Matreus sich auf, “besser als mir lieb ist! Und hier muss ich heute Abend echt nicht noch hin! Und Ihr auch nicht!“ Zanrelot war zu müde, um Fragen zu stellen. Er blickte nur ratlos zwischen seinem Schüler und dem Geist hin und her. „Verdammt, nicht weit von hier wohnen die Wächter!“ erklärte Matreus, „da bringst du uns hin, vermaledeiter Geist, nicht wahr? Ich habe es nicht gleich gemerkt, weil ich normalerweise direkt von der Unterwelt aus dort auftauche, ohne den Umweg durch die ganze Stadt. Aber genau das ist dein Plan, oder, du mieses Gespenst, du? Erst schwächst du den Meister durch all die alten Geschichten und den langen Fußmarsch, und dann wirfst du ihn wehrlos den Wächtern zum Fraß vor! Ist es das, ja? Aber du hast die Rechnung ohne mich gemacht! Ich bin auch noch da, ich werde kämpfen, ich...“ „Sachte, sachte!“ gebot ihm der Geist mit erhobenen Händen Einhalt, „auf was für Gedanken du nur kommst! Nichts dergleichen habe ich vor. Ich werde euch nicht direkt mit den Wächtern konfrontieren. Ihr werdet sie sehen, aber sie euch nicht. Schon vergessen? So lange ihr mit mir unterwegs seid, bleibt ihr unsichtbar.“

Er führte sie näher an das alte Sörensen-Anwesen heran und nun erkannte auch Zanrelot das Haus wieder, das er so oft auf dem Bildschirm gesehen hatte. Es war festlich erleuchtet und der Geist führte sie bis dicht ans Wohnzimmerfenster heran. Sie blickten hindurch und sahen die Patchwork-Familie Sörensen-Lehnhoff fröhlich Weihnachten feiern. Die vier Kinder fühlten heute einmal keinen Drang, die Welt zu retten, sondern freuten sich einfach über ihre Geschenke, wie andere Kinder auch.

Leonie tanzte mit Kasimir um den Weihnachtsbaum, was für die anderen seltsam aussah, weil sie in die leere Luft zu greifen schien. Aber das war ihr egal. Die Zuschauer draußen aber konnten das Wesen sehen.

Otti saß am Klavier und untermalte das Fest mit weihnachtlichen Klängen, obwohl niemand hinhörte.

Karo und Pinkas standen nahe beieinander und sahen sich verliebt in die Augen, in denen sich Kerzenschein spiegelte. Zanrelot würgte heftig und richtete den Blick schnell woanders hin.

Doch bei den Erwachsenen erging es ihm nicht besser: Sie waren gerade in einen langen Kuss vertieft, nachdem Julia einen Stapel historische Romane und Sascha fünf Paar Wollsocken ausgepackt hatte. Hustend und keuchend drehte Zanrelot dem Fenster den Rücken zu. „Und ich hatte doch recht!“ ereiferte sich Matreus, „du tust das alles nur, um ihn krank zu machen, du dämonenfeindlicher Geist, du!“ „Nein, nein, wirklich nicht!“ beteuerte der Geist der Weihnacht, „seht mal, ich meinte doch eigentlich nur... Also, ich dachte mir halt, es könnte eurem gegenseitigen Verständnis nur gut tun, wenn ihr mehr voneinander wisst. Vielleicht seht ihr diese Stadt mit anderen Augen, wenn ihr einfach ohne Absicht durch sie spazieren geht. Vielleicht seht ihr die Wächter mit anderen Augen, wenn ihr sie einmal nicht als eure Feinde erlebt, sondern als ganz normale Menschen. Als gewöhnliche Kinder, die nur mit ihrer Familie feiern wollen.“ Matreus klopfte dem hustenden Zanrelot auf den Rücken und erwiderte ärgerlich: „Das war also dein genialer Plan, ja? Super, echt super! Und was tust du dafür, dass die uns mal nicht als ihre Feinde sehen, sondern mit anderen Augen? Na? Alles, was du noch tun musst, ist, uns sichtbar zu machen und ans Fenster zu klopfen, damit sie den Herrscher der Finsternis mal ganz anders erleben, nämlich völlig machtlos. Es wäre bestimmt eine besondere Festtagsfreude für sie, ihn fertigzumachen.“

Der Geist schüttelte den Kopf. „Aber nein, aber nein! Das würden sie ganz sicher nicht tun. Die Wächter sind gute Menschen. Wie gesagt, sie können uns nicht sehen. Aber wenn es wäre, wie du sagtest, würden sie euch sicher eher helfen.“ Matreus lachte laut auf. „Aber klar doch! Zur Hölle, wie naiv kann ein einzelner Geist sein? Was stellst du dir noch vor? Dass sie uns hereinbitten, um mit uns zu feiern?“ Zanrelot ließ sich kraftlos an der Hauswand entlang zu Boden sinken. „warum nicht?“ fragte der Geist allen Ernstes, „vielleicht würden sie das tun, wenn ihr nur endlich euren ewigen, sinnlosen Krieg begraben würdet. Seht ihr zwei denn nicht, dass nur ihr es seid, die immer wieder Streit anfangen? Dass diese Kinder euch gar nichts Böses wollen?“ Er öffnete mit einem Zauber unauffällig das Fenster, damit die Unterweltler hören sollten, wie fröhlich und friedlich es drinnen zuging.

Ottis Geklimper tönte nach draußen, doch man verstand nun auch die Stimmen der Feiernden. Pinkas hatte gerade ein weiteres Geschenk ausgepackt. „Cool!“ schrie er begeistert, „seht mal, ‚Dämonenkiller 3’!“ Er hielt sein neues Computerspiel hoch. „Zeig mal!“ rief Karo und riss es ihm aus der Hand. „Wow! Das ist ja die neue Edition, wo man richtig sieht, wie die Dämonen zerplatzen!“ „Echt?“ Otti sprang vom Klavier weg, um sich das Spiel anzusehen. „Tatsache!“ stellte er fachmännisch fest, „das ist die mit den tollen Graphiken. Da siehste echt alles im Detail.“ „Das muss ich morgen gleich Tim zeigen“, freute sich Pinkas. „Erst wollen Kasimir und ich eine Runde spielen!“ krähte Leonie. Pinkas entwand den anderen die DVD und schob sie in den Laptop. Mit ohrenbetäubendem Krachen und vielen Spezialeffekten spritzten die besiegten Dämonen nur so nach allen Seiten, sobald er auf die Tasten hieb. „Autsch! Das sah aber unangenehm aus“, meinte Otti und verzog das Gesicht. „Ih!“ kreischte Leonie, „eklig!“ Aber sie schauten doch beide sehr genau hin. Karo kicherte: „He, stellt euch mal vor, das da wär Zanrelot! Batsch – ups, geplatzt! Hihi!“ Pinkas lachte: „Oh ja, und der da, guckt mal, den ich gleich matschen werde, das wär Matreus!“ Alle vier hielten sich die Bäuche vor Lachen.

„Ah, ja“, sagte der ungematschte Matreus draußen vor dem Fenster, nachdem er zugesehen hatte, wie auf dem Monitor sein Hirn wegspritzte, „so viel also dazu, Geist. Noch Fragen?“ „Ähm“, gestand der Geist kleinlaut ein, „dieses Projekt war vielleicht nicht ganz erfolgreich. Irgendwie sind Kinder auch nicht mehr das, was sie mal waren...“ Hastig schlug er vor: „Lassen wir die Gegenwart Gegenwart sein und werfen einen Blick auf die Zukunft. Ja?“

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7 (Teil 7) am Mi Dez 24, 2008 1:41 pm

Bevor jemand weitere Fragen stellen oder Einwände erheben konnte, hatte der Geist rasch alle wieder gründlich vernebelt. Zanrelot, den der ganze Ausflug mehr mitnahm, als er sich selbst und dem Geist eingestehen wollte, schloss kurz die Augen und atmete tief durch. Als er die Augen wieder öffnete, war immer noch alles weiß. Nicht ganz so undurchdringlich-neblig-weiß wie zuvor, aber doch ziemlich. Er wollte ein paar Schritte gehen, doch es gelang ihm nicht. Er war völlig starr, vielleicht vor Kälte. Er schielte aus dem Augenwinkel zur Seite und erblickte Matreus neben sich, der genauso stillstand. Er schielte noch einmal hinüber und wäre vor Überraschung erstarrt, wenn er es nicht bereits gewesen wäre: Der junge Mann da neben ihm, das war ja gar nicht Matreus, das war ja... Jona! Sein Sohn!

Das dichte Weiß lockerte etwas auf und verlor sich zu einzelnen Punkten. Das war wohl gar kein Nebel, sondern Schnee, und er ließ allmählich nach. Irgendwann hörte das Flockentreiben ganz auf und Zanrelot konnte Jona nun ganz deutlich sehen. Kein Zweifel, er war es! Jona, sein verlorener Sohn, der sich so lange auf die Seite seiner Feinde gestellt hatte! Er war bei ihm. Doch bevor er darüber nachdenken konnte, bebte plötzlich der Boden unter seinen Füßen. Dann wurde ihm furchtbar schwindelig und die ganze Welt schien sich zu drehen. Das Schneetreiben hüllte ihn und Jona wieder ein, dichter als zuvor, bis man nichts mehr sehen konnte. Dann glaubte er von weitem die Stimme des Geistes zu hören, und plötzlich war der Spuk zu Ende.

Zanrelot saß auf der Erde, mitten auf der verschneiten Straße im nächtlichen Lübeck. Jetzt fühlte er sich nicht nur völlig kraftlos, sondern hatte auch Kopfschmerzen, und ihm drehte sich immer noch alles vor den Augen. „Was war das denn?“ stöhnte er benommen. „Weiß nicht“, murmelte Matreus, der neben ihm stand und versuchte, ihm aufzuhelfen, „ich hab nicht viel gesehen. Eigentlich nur Dunkelheit.“ „Dunkelheit?“ Zanrelot starrte ihn befremdet an. „Also, das war alles andere, nur keine Dunkelheit! Ein einziges weißes Gewirbel!“ „Nein“, wiederholte Matreus, während er ihn auf die Füße zog, „schwarze Dunkelheit.“

„Ihr wart an verschiedenen Orten“, klärte der Geist sie auf. Diesen Nervtöter hatten sie ja beinahe vergessen. „Ihr habt ganz einfach unterschiedliche Dinge gesehen, weil ihr in der Zukunft nicht zusammen wart.“ Matreus starrte irritiert vor sich hin. Die Vorstellung, nicht mit seinem Meister zusammen zu sein, war einfach zu abwegig für ihn. Doch Zanrelot erinnerte sich gedankenverloren: „Es stimmt. Matreus war nicht bei mir, sondern Jona.“ Matreus zuckte wie unter einem Hieb und kniff vor Eifersucht Augen und Lippen zusammen. „Das kann nicht stimmen“, presste er zwischen den Zähnen hindurch, „Jona hat Euch aufs Schlimmste verraten, Meister.“ „Aber er war da“, beharrte Zanrelot, der sich ja selbst darüber wunderte. „Moment mal“, fragte Matreus misstrauisch, „wo warst du eigentlich, Geist?“

Der Geist der Weihnacht sah irgendwie aus, als fühlte er sich nicht besonders wohl in seiner durchscheinenden Haut. „Na ja“, druckste er herum, „so ganz genau habe ich auch nicht alles verstanden... Also, dich, Matreus, habe ich gar nicht gesehen, tut mir leid. Ich kann dir nicht genau sagen, was das bedeutet. Wenn ich dich in der Zukunft nicht sehen konnte und du nur schwarze Finsternis gesehen hast, also... vielleicht heißt das...“ „Was?“ „Dass du zu diesem Zeitpunkt tot sein wirst?“ Matreus schnappte nach Luft. „Ähm, ja, also vielleicht. Vielleicht ja auch nicht, hm? Ich will dir ja keine Angst machen, vielleicht warst du auch bloß ganz woanders, in einem dunklen Loch oder so. Oder bewusstlos, was weiß ich denn?“ Der Geist sah ziemlich unglücklich aus.

Rasch wandte er sich an Zanrelot: „Aber dich habe ich gesehen! Und du hast recht, Jona war tatsächlich an deiner Seite. So viel konnte ich erkennen, aber ich konnte nicht wirklich nah an euch heran. Da war eine Wand zwischen uns...“ Zanrelot sah ihn irritiert an. „Eine Wand? Was für eine Wand denn? Irgendeine magische Barrikade?“ „Ähem, nein, es war eher eine... Kunststoffwand. Eine durchsichtige Kuppel aus Plastik. Ja. He, tut mir ja leid, ich mache die Zukunft ja nicht! Und ich kann auch nicht alles deuten. Aber es sah aus wie... Himmel, ich verstehe es ja selbst nicht, aber ich glaube, ihr zwei wart in einer Schneekugel.“ Puh, das war raus.

„Schneekugel.“ Zanrelot hatte sich wieder in den Schnee sinken lassen und wiederholte tonlos: „Schneekugel.“ Die ganze Sinnlosigkeit der Welt schien in diesem einen Wort zu liegen. Matreus hatte seinen Meister schon oft enttäuscht, sogar verzweifelt gesehen. Aber nie so völlig hoffnungslos. Sein Blick und seine ganze Haltung drückten nur das Eine aus: Es hatte alles keinen Sinn. Nicht, wenn man nach fünfhundert Jahren und allem, was er durchgemacht hatte, in etwas so Banalem wie einer Schneekugel enden sollte. Dies war der endgültige Beweis: Es gab keinen Gott und keinen Sinn im Universum. Es gab nur Menschen, die gern Dämonen matschten, Dämonen, die nach einer völlig nutzlosen Macht strebten und Leute, die etwas so vollkommen Sinnloses und Kitschiges bauten wie... Schneekugeln!!!

Es tat Matreus weh, seinen verehrten Meister so zu sehen. Es ließ ihn für Augenblicke sogar sein eigenes Schicksal vergessen, das vielleicht bald im Nichts enden sollte. Er empfand eine unbändige Wut auf den Geist, der ihnen diese quälenden, unsinnigen Zeitreisen angetan hatte. Sie hatten doch vorher schon nicht viel gehabt, aber der dumme, selbstherrliche Geist hatte ihnen noch das Letzte genommen: jede Hoffnung, ihre Ziele, jegliche Kraft, ihre Würde.

Matreus setzte sich neben Zanrelot in den Schnee und legte tröstend einen Arm um ihn, und der wehrte sich nicht mal. Das war kein gutes Zeichen. Matreus ließ den Kopf hängen. Der Gedanke an seinen eigenen Tod, den er gehofft hatte, für immer vermeiden zu können, stand ihm nun wieder in aller scheußlichen Deutlichkeit vor Augen. „Ich will nicht sterben!“ dachte er verzweifelt, immer und immer wieder, bis der Gedanke sich irgendwann in ein trotziges „Ich werde nicht sterben!“ verwandelte.

„He! Meister!“ raunte er Zanrelot zu, doch der blickte nicht auf. „Meister, wir lassen uns doch von so einem nicht unterkriegen! Warum glauben wir eigentlich diesem Versager von Geist?“ „Weil alles, was er uns in der Vergangenheit gezeigt hat, wahr ist?“ konterte Zanrelot trübsinnig, ohne den Kopf zu heben. „Pfff“, machte Matreus verächtlich, „es ist ja wohl keine große magische Kunst, die Vergangenheit zu lesen. Was passiert ist, ist passiert. Aber die Zukunft zu sehen, ist eine ganz andere Sache! Ich glaube, der da kann das gar nicht richtig. Er hat selbst zugegeben, dass er nicht alles deuten kann. Er wirkt äußerst unsicher, findet Ihr nicht? Vielleicht hat er lauter Unsinn gesehen.“ „Hm... Vielleicht hast du Recht... Und wenn nicht?“ „Wenn nicht“, sagte Matreus mit fester Stimme, „dann ist das auch noch längst kein endgültiges Urteil. Falls es überhaupt möglich ist, in einer Schneekugel zu landen, dann sollte es doch erst recht möglich sein, aus ihr herauszukommen! Macht mehr Sinn, oder? Zukunft, Zukunft, papperlapapp! Was der uns gezeigt hat, war doch nur irgendeine beliebige Momentaufnahme, wenn überhaupt. Dahinter liegt noch unendlich viel Zukunft und die bringt immer wieder etwas Neues. Vor allem für Unsterbliche wie uns. Jawohl, Unsterbliche! Ich glaube nicht an den Unsinn, dass ich sterben werde! Dann hätte ich nämlich nicht gesehen, dass es dunkel war. Wer weiß, was das Schwarze da war, jedenfalls nicht der Tod. Wahrscheinlich bloß die gähnende Leere im Kopf von dem Geist da.“ Zanrelot hob nun doch leicht den Kopf und grinste andeutungsweise. Matreus zwinkerte ihm zu. „Na bitte, Meister. Und so lange ich lebe, werdet Ihr sicher nicht für immer in einem lächerlichen Spielzeug rumhocken! Ich hab Euch schon aus ganz anderem Schlamassel wieder rausgeholt, oder?“ „Das ist wohl wahr...“

„Und noch etwas, Meister“, sagte Matreus, dem es selbst schon wieder viel besser ging, „das Eigentümliche an der Zukunft ist gerade, dass sie niemals feststeht. Was wir gesehen haben, kann allenfalls eine mögliche Variante der Zukunft sein, nicht mehr. Eine Zukunft, wie sie sich, vom heutigen Standpunkt aus gesehen, entwickeln könnte. Aber nicht muss! Die Zukunft ist etwas, das sich mit jedem einzelnen Schritt von uns ändert. Es hängt ja wohl immer noch von unserem Handeln und unseren Entscheidungen ab, was wird!“ Zanrelot nickte langsam. Dann blickte er Matreus in die Augen. „Ja, du hast recht. So pflege ich die Dinge doch auch zu sehen. So hat es mich der Schwarze Abt gelehrt. Matreus, ich staune, solch weise Worte aus deinem Mund.“ Sein Schüler grinste. „Kunststück, Meister! Wer hat es denn mich wohl gelehrt?“

Matreus erhob sich und klopfte den Schnee von seiner Hose. Dann wollte er erneut seinem Meister aufhelfen. Doch Zanrelot war zu schwach. Seine Energie war völlig aufgebraucht. Eine Welle von Panik ergriff Matreus. Wen interessierte denn die Zukunft, wenn die Gegenwart so in Gefahr war? „Meister!“ bat er, „steht auf! Es ist viel zu kalt, um dort sitzen zu bleiben! Und bald kommt der Morgen, Ihr vertragt das Licht nicht, schon gar nicht in diesem Zustand! Dieser Geist da, der sich jetzt schön feige von uns fernhält, der hat nach dieser Nacht auch gar keine Macht mehr, zu helfen. Wir müssen heim, jetzt, gleich, bitte!“ Doch Zanrelot ächzte: „Ich kann nicht, Matreus, es geht nicht.“

Matreus zerrte verzweifelt an ihm, dann hielt er inne und versuchte, wieder einen klaren Kopf zu bekommen. Es musste doch einen Weg geben! „Meister“, fiel ihm ein, „Ihr müsst neue Energie gewinnen. Wenigstens ein klitzekleines bisschen. Wie wäre es mit ein wenig Bosheit, hm? Irgendein fieser Plan würde sicher helfen. Denkt nach!“ Zanrelot grübelte angestrengt. Er blickte hinüber zu dem Geist, der sich verlegen in einigem Abstand von ihnen hielt. Dieser Gernegroß, der ihnen dieses ganze Elend eingebrockt hatte und Zanrelot mit diesem ganzen Blick auf das Gute in ihm und seiner Vergangenheit so sehr geschwächt hatte! Dagegen war etwas Bosheit wohl wirklich die beste Kur... „Ich habe eine Idee“, verkündete Zanrelot bald. Gespannt neigte Matreus sein Ohr an den Mund des Meisters und hörte die geflüsterten Worte. Ein breites Grinsen stahl sich auf sein jungenhaftes Gesicht. Und auch Zanrelot ging es wieder etwas besser, nachdem er den Plan gefasst und ausgesprochen hatte. „Ich glaube, ich bin reisefertig“, meinte er, „sag diesem Kerl, er soll uns nach Hause bringen!“

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8 (Teil 8) am Mi Dez 24, 2008 1:43 pm

Matreus rief den Geist heran. „He, Alter! Sieh her! Dem Meister geht es nicht gut. Wenn du ihn nicht auf dem Gewissen haben willst – und das auch noch an Weihnachten! -, dann bring uns auf dem schnellsten Weg nach Hause!“ „Hm, ja ja“, meinte der Geist betreten mit einem prüfenden Blick auf Zanrelot, „das wird wohl das Beste sein. Wir sind ja auch am Ende unserer Reise, und ehrlich gesagt hätte ich nicht gedacht, dass es ihn so mitnimmt. Schuster bleib bei deinen Leisten, ich hätte es weiter mit geizigen Griesgramen versuchen sollen und nicht mit Dämonen. Ich wollte euch doch nur bessern...“ Matreus fiel ihm ungeduldig ins Wort: „Hör zu, Alter, das ist jetzt alles nicht wichtig! Bring uns heim!“ „Äh, ja, ja!“ Wieder hüllte dichter, weißer Nebel die Drei ein, und als er sich legte, waren sie in der Unterwelt.

Matreus half Zanrelot schnell hinüber zu seinem Sessel und er ließ sich erleichert hineinfallen. Endlich zuhause! Da hatte er nun so lange von einem Ausflug in die Oberwelt geträumt und war am Ende so froh, wieder in der Unterwelt zu sein. Für’s Erste jedenfalls...
Gierig leerte er das Glas grünes Elixier, das Matreus ihm reichte. Sein Schüler ergriff seine Hand, legte sie auf das Macht-o-Meter und fluchte. Nur 5%! Aber vorhin im Schnee waren es wohl noch ein paar weniger gewesen. Der Plan hatte geholfen und es wurde Zeit, ihn auszuführen.

Der Geist stand dumm herum und kam sich zu Recht ziemlich überflüssig vor. „Tja, also, ich gehe dann mal“, meinte er verlegen, „frohe Weihnachten noch!“ „Halt, halt!“ rief ihm Zanrelot nach. Überrascht drehte der Geist sich nach ihm um. „Ja? Ist noch was?“ „Aber lieber Geist!“ sagte Zanrelot sehr verbindlich, „du willst doch jetzt nicht einfach so gehen! Ich war dein Gast, nun sei du meiner! Bleib noch ein klein wenig bei uns, bitte! Setz dich, Matreus wird den Tisch decken.“ Der Geist war erstaunt über diese Gastfreundschaft, wollte sie aber auch nicht unhöflich ausschlagen. Er setzte sich auf den Stuhl, den Matreus ihm anbot, während er mit einem Wink seines Zauberstabes Gläser und eine Flasche auf dem Tisch erscheinen ließ. „Ich bin ein Geist, ich esse und trinke nicht“, erinnerte der Gast den dienstbaren Dämon. „Egal“, erwiderte der unbekümmert, „so sieht es gemütlicher aus.“ „Oh, äh, ja.“

Matreus schob den Sessel mitsamt Zanrelot an den Tisch und nahm selbst Platz. Er schenkte den Pokal seines Meisters erneut mit grünem Elixier voll und füllte auch sein eigenes Glas und das des Geistes. „Tut mir leid, dass du nicht trinken kannst“, bedauerte er, „aber die Höflichkeit gebietet nun mal, das Glas des Gastes zu füllen. Wenigstens kannst du dich an der schönen Farbe erfreuen.“ „Ja, danke, zu liebenswürdig.“ „Aber immer.“

Zanrelot und Matreus leerten ein Glas nach dem anderen und je mehr sie tranken, desto angeregter wurde die Unterhaltung. Schließlich war die Flasche leer, der Gesprächsstoff aber immer noch nicht ausgegangen. Sowohl die Dämonen, als auch der Geist hatten in ihren langen Leben genug gesehen, was erzählenswert war. Als schließlich doch einmal eine Pause entstand, behauptete Zanrelot: „Wusstest du übrigens, Geist, dass auch ich in die Zukunft sehen kann?“ „Nein!“ rief der Geist aus, „allen Ernstes?“ „Oh ja! Soll ich versuchen, deine zu erschauen?“ „Wenn das möglich wäre, oh ja, bitte!“ antwortete der Geist der Weihnacht aufgeregt, „meine eigene Zukunft ist nämlich die einzige, die ich nicht sehen kann!“ Zanrelot lächelte. „Na, dann wird es aber Zeit.“

Er drehte und wendete die leere Flasche in seinen Händen hin und her und tat geheimnisvoll. Murmelte ein paar unverständliche Beschwörungsformeln und verdrehte die Augen, als wäre er in Trance. Dann rückte er näher an den Geist heran und raunte mit heiserer Stimme: „Oh, ja! Ja! Jetzt sehe ich es! Das Bild wird klarer! Oh, oh,... oh!“ Kunstpause. „Was siehst du?“ drängelte der Geist. „Ich sehe...“, sprach Zanrelot wie von weither, „oh, ich sehe dich, aber... das Bild ist undeutlich... Da ist eine Wand zwischen uns,... eine Wand aus Glas... ooooooh!“ Der Geist rutschte vor Aufregung auf seinem Stuhl hin und her. „Was siehst du noch?“ „Ich seeeeeehe“, hauchte Zanrelot kaum hörbar, „dich... in naher Zukunft... in... in...“ „Na?“ Mit einer blitzschnellen Bewegung stach Zanrelot seinem Gast den magischen Fingernagel in die Seite, dass er wie vom Blitz getroffen zusammenzuckte und aufschrie. Mit einer einzigen schwungvollen Handbewegung landete der Geist in der leeren Flasche und Zanrelot pfropfte sie zu. „In einer Flasche“, schloss er seine Prophezeiung.

„Meister!“ rief Matreus mit gespieltem Erstaunen, „Eure Zukunftsvision hat sich erfüllt! Ihr habt eine neue magische Fähigkeit entwickelt!“ „Das muss gefeiert werden“, beschloss Zanrelot zufrieden, „trag das weg und dann komm! Es ist Weihnachten, Matreus, wusstest du das schon?“ Matreus klopfte an die Flasche, in der der Geist der Weihnacht entsetzt an der Scheibe kratzte. „Hallo, Flaschengeist!“ rief er fröhlich und brachte die Flasche ins Nebenzimmer.

„Wollt Ihr ihn für immer da drin behalten, Meister?“ fragte er, als er zurück kam. „Das denn doch nicht“, bescheid Zanrelot, „das ist auch gar nicht nötig. Morgen früh hat er keine Macht mehr, dann kannst du ihn draußen freilassen. Aber bis dahin gehe ich kein Risiko mehr ein. Der wird uns unsere Feier nicht verderben!“ „Alles klar!“ sagte Matreus lachend, „und wenn ich auch eine Zukunftsprognose wagen darf: Der wird uns nächstes Weihnachten nicht mehr belästigen!“ Beide lachten schallend.

Matreus holte eine neue Flasche grünes Elixier, dann machten sie es sich zu zweit gemütlich. Sie spielten eine Runde „Vier kleine Wächterlein“ am Computer, sangen Zeros, dem Hund, der so gern Weihnachtslieder hörte, ein paar vor (auch dem kleinen Wer-Terrier gefiel das) und warfen auf dem Monitor ab und zu einen Blick auf Familien, die sich am Weihnachtsabend stritten. Matreus fand sogar das Luke-Teil im Internet, lud es herunter und schaute es mit Zanrelot zusammen an. Er behielt recht, dass Zanrelot den röchelnden Typ sympathisch fand. Die Stelle „Luuuuuuke, ich bin dein Vater!“ kommentierte der Meister nicht, aber er beschloss bei sich, dass er Matreus eigentlich anbieten könnte, ihn „Vater“ zu nennen. Heute brachte er das nicht mehr fertig, aber er nahm sich fest vor, es in nächster Zukunft zu tun. Zukunft! Nein, heute bitte nicht mehr. Die Gegenwart war auch viel zu schön, um einen Gedanken an Zukunft zu verschwenden. Und als Matreus zwischendurch das Macht-o-Meter nochmals heranzog, war es bei 80%!




ENDE

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