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Rollenspielforum für Harry Potter und 4 gegen Z


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Unter der Oberfläche

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1 Unter der Oberfläche am Mi Dez 24, 2008 1:36 am

Unter der Oberfläche

Eine 4-gegen-Z-Fanfiction von Smilla


Silke strich sich nervös durch das blonde Haar. Was um Himmels willen tat sie eigentlich hier? Warum stand sie als erwachsene Frau mitten auf einer Lübecker Straße herum und hörte sich die Fantasiegeschichten kleiner Kinder an? Hatte sie nichts Besseres zu tun? Sie war hierher gekommen, um seriöse Ahnenforschung zu betreiben, und stattdessen vergeudete sie ihre Zeit mit haarsträubenden Geschichten über einen angeblichen Verwandten, der seit fünfhundert Jahren sein Unwesen in oder unter der Stadt treiben sollte. Wie lächerlich!

„Es tut mir leid...“ Sie versuchte, nicht allzu unhöflich beim Abwimmeln der vier Kinder zu sein. „Es tut mir wirklich sehr leid, das klingt ja alles wahnsinnig spannend, aber ich habe einen wichtigen Termin im Rathaus. Also... tschüss!“ Sie drehte sich auf dem Absatz um und ging, fest entschlossen, sich nicht umzudrehen und die Kinderstimmen hinter sich zu ignorieren: „Bitte gehen Sie nicht! Bitte warten Sie, Frau Wullenwever!“


Sie war standhaft geblieben und den lästigen Kindern entkommen. Im Lübecker Rathaus hatte sie der Bürgermeister persönlich empfangen und bereitwillig Auskunft über ihren berühmt-berüchtigten Vorfahren, seinen mittelalterlichen Amtsvorgänger, gegeben. Nachdenklich hingen Silkes grüngraue Augen am Porträt Jürgen Wullenwevers. „Armer Kerl“, meinte sie, „wurde er tatsächlich geköpft und seine Leiche hinterher noch gevierteilt?“ Der Bürgermeister lächelte verlegen: „Nun ja, er galt als Verräter. Sein Verhalten war nicht besonders ehrenhaft.“ Silke zog die Brauen zusammen, was ihr stets einen finsteren Ausdruck verlieh. „Es war auch nicht ehrenhaft, ihn so zu behandeln“, beharrte sie, „und wenn Sie das als gerecht empfinden, müssten wir heute mit einem Großteil unserer Politiker so verfahren.“ Der Stadtvater lächelte gequält: „Da mögen Sie natürlich recht haben.“

Im Archiv verbrachte Silke lange Zeit über den alten Dokumenten. „Ich bin also tatsächlich eine Nachfahrin des berühmten Wullenwever“, schloss sie nach dem Vergleich der Urkunden mit ihren eigenen Unterlagen, „wissen Sie, ob ich die einzige bin? Tatsächlich bin ich nämlich ein Einzelkind und zumindest in Hamburg sind mir keine weiteren Verwandten bekannt. Demnach läge die Verantwortung, die Wullenweverschen Gene weiterzuvererben, allein bei mir. Was für ein Gedanke!“ Sie lachte leise. Der Bürgermeister hob die Schultern: „Ich weiß es nicht. Der Sage nach gab es noch einen anderen Zweig von Nachfahren, doch das ist historisch nicht belegt. Sie, verehrte Frau Wullenwever, stammen von Jürgen Wullenwevers ehelichem Sohn ab. Er soll aber auch noch einen unehelichen gehabt haben, mit seiner Magd. Das Kind soll Franz Olte geheißen haben, doch seine Spur verliert sich in den Unterlagen. Wir wissen nicht, was aus ihm wurde, falls er denn überhaupt existiert hat.“ Er lachte herablassend: „Angeblich spukt er noch heute herum und will Rache für den Tod seines Vaters nehmen. Doch falls Sie Interesse an diesen Ammenmärchen haben, müssen Sie sich bitte andere Informanten suchen. Ich befasse mich ausschließlich mit historischen Fakten.“ Silke schien aus ihren Gedanken hochzuschrecken: „Wie? Äh,... ach ja. Natürlich. Danke, ich glaube, ich habe meine Informanten bereits gefunden.“ „Wie meinen?“ Der Bürgermeister sah ihr verwundert nach, als sie eilig das Rathaus verließ.


„Warum sind Sie zurückgekommen? Und wie haben Sie uns gefunden?“ Silke hielt Ottis bohrendem Blick stand. „Ich bin zurückgekommen, weil eine zuverlässige Quelle mir bestätigt hat, was ihr erzählt habt. Es interessiert mich. Und ich musste euch ja nicht groß suchen, ihr seid selbst auch zu dem Ort zurückgekehrt, wo wir uns getroffen hatten. Wusstest ihr, dass ich zurückkehren würde?“ „Nein. Wir haben es gehofft.“

„Wir sollten nicht noch mehr Zeit vertrödeln“, warf das ältere Mädchen ein, „kommen Sie bitte mit uns, dann können wir Ihnen beweisen, dass die Geschichte kein Ammenmärchen ist!“ „Ihr macht mich wirklich neugierig, ihr vier. Ich komme mit.“

Im Haus, wo die vier merkwürdigen Kinder lebten, sah Silke mit eigenen Augen, wie sie durch den Spiegel verschwanden, umhüllt von giftgrünem Nebel, und wie sie später in der benachbarten Scheune wieder auftauchten. Sie hielt das Zauberbuch in ihren eigenen Händen und spürte die Macht, die von ihm ausging. Ein Zittern durchrieselte ihren Körper. „Ich glaube euch“, flüsterte sie schließlich, „auch wenn ich dafür vielleicht in der Irrenanstalt lande. Dieser Zanrelot,... er haust wirklich unter dieser Stadt, nicht wahr? Und dieser schwarze Magier ist tatsächlich mit mir verwandt?“ Die beiden Jungen, Otti und Pinkas, nickten ernst. Das kleinere Mädchen, Leo, schaute Silke eindringlich an und sagte: „Ja. Sie haben dieselben Augen. Leuchten die auch, wenn Sie wütend sind?“ Silke lachte: „Ich weiß nicht. Vielleicht? Meine Freunde sagen, ich sähe furchteinflößend aus, wenn ich sauer bin.“ Sie setzte einen bewusst finsteren Blick auf. „Ja, das tun Sie“, bestätigte Karo, das größere Mädchen, „aber das giftgrüne Leuchten haben Sie nicht in den Augen. Sie sind ja auch nicht voller Hass, oder?“. „Nein.“ Silke lächelte und augenblicklich war der düstere Ausdruck von ihrem Gesicht verschwunden. Otti hatte seine Sonnenbrille aufgesetzt und betrachtete sie kritisch. „Nein“, stellte er fest, „keinerlei grünes Leuchten, auch nicht um sie herum. Es ist nichts Böses oder Magisches an ihr.“


Nachdem die vier Wächter ihr ausführlich erklärt hatten, was es mit ihnen und mit Zanrelot und seinen Helfern auf sich hatte, sagten sie ihr, welche Aufgabe sie ihr zugedacht hatten. Sie sprang auf: „Ich? Nein! Wie kommt ihr gerade auf mich?“ Sie atmete ein paar Mal tief durch, dann setzte sie sich wieder und bemühte sich um eine etwas ruhigere Tonlage: „Warum soll gerade ich für euch Zanrelot vernichten? Warum macht ihr das nicht selbst? Was hab denn ich damit zu tun? Warum ich?“ „Weil Sie seine einzige lebende Verwandte sind“, antwortete Otti. Er verschwieg Jona, den Sohn, doch der konnte ihnen nicht mehr von Nutzen sein. Silke rieb sich die Stirn, als hätte sie Kopfschmerzen. „Ja, richtig, er ist mein Verwandter. Umso absurder ist das Ganze! Warum sollte ich meinen eigenen Verwandten vernichten?“ „Weil Sie nicht ernsthaft wollen, dass er die Stadt und vielleicht die Welt zerstört, nicht wahr?“ erwiderte die kleine Leonie und blickte sie flehend an. Silke senkte den Kopf. „Nein, natürlich nicht“, flüsterte sie, „gibt es denn keinen anderen Weg?“ „Nein“, erklärte Karo, „den Zauber, den wir planen, kann nur eine Blutsverwandte ausführen. So steht es im Zauberbuch. Hier!“


Am nächsten Tag stand Silke vor dem magischen Spiegel, beide Hände krampfhaft um die Fläschchen in ihren Hosentaschen geklammert. Das eine enthielt den Stärkungstrank, der ihr im Notfall helfen sollte, das andere den Liebestrank. Den Liebestrank, der kränken und töten sollte. Ihr war, als brannte er in ihrer Hand, als wehrte er sich gegen diesen Missbrauch seiner Bestimmung.

Ihr wurde schwindelig, als sie in den Sog der Schleuse gezogen wurde. Sie wirbelte durch einen Tunnel aus Finsternis und grünem Licht. Dann fand sie sich im Halbdunkel wieder und irrte durch verschlungene Gänge, bis sie in einen düsteren Raum geriet, in dessen Mitte ein Computerterminal unter einem augenfürmigen Metallbogen und einer Wolke aus grünem Leuchten stand. Dies musste das Herz der Unterwelt sein, Zanrelots Zentrale. Bewundernd blickte Silke sich um. Auch nach den Schilderungen der Kinder hatte sie sich diesen Ort nicht so beeindruckend vorgestellt. „Zanrelot?“ rief sie, nachdem sie sich einigermaßen gefasst hatte. Dann noch einmal lauter: „Zanrelot!“

„Er bevorzugt die Anrede ‚Meister’“, riet ihr eine spöttische Stimme von hinten. Sie wirbelte herum und erblickte einen jung aussehenden Mann. Dies musste Zanrelots Diener sein. „Matreus!“ „In der Tat.“ Er deutete eine Verbeugung an. Doch als er sich wieder aufrichtete, wurde sein niedlicher Dackelblick plötzlich hart und kalt. „Was willst du von meinem Meister?“ fragte er argwöhnisch und eifersüchtig. „Nichts Böses“, versicherte Silke, „ich bin seine Verwandte.“

„Nichts Böses?“ fragte eine samtene Stimme aus dem Hintergrund, „wie schade!“ Ein Mann löste sich aus dem Dunkel, in dem ihn das Schwarz seines langen Mantels perfekt verborgen hatte. Das schwache Licht des Raumes fing sich in seinem silberhellen Haar und seinen leuchtend grünen Augen. Silke hielt den Atem an. Es war keine Frage, sondern Gewissheit, als sie hauchte: „Zanrelot!“

Er trat langsam näher, mit den lautlosen, geschmeidigen Bewegung eines Raubtiers, umkreiste sie und kam dicht vor ihr zum Stehen. Er lächelte, leicht spöttisch und doch charmant. Als er die linke Hand hob, sah sie den einzelnen, langen, grünen Fingernagel am kleinen Finger. Seine Geste war pure Eleganz, als er ihr eine blonde Haarsträhne aus dem Gesicht strich, um ihr ungehindert in die Augen zu sehen. „In der Tat“, murmelte er, „meine Augen. Es wäre möglich.“ Irrte sie sich oder sah sie einen Anflug von Sehnsucht in seinem Blick? „Ich habe selten Gäste“, sagte er und klang merkwürdig müde, „und noch seltener... Verwandtenbesuch! Meine Eltern haben mich sträflich vernachlässigt, seit meine Mutter an der Pest starb und mein Vater ermordet wurde. Und mein Sohn... Reden wir nicht davon. Matreus, deck den Tisch für unseren Gast! Vom Feinsten, hörst du?“



Zuletzt von Smilla Sly am Mi Dez 24, 2008 1:58 am bearbeitet; insgesamt 2-mal bearbeitet

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2 (Teil 2) am Mi Dez 24, 2008 1:40 am

Der junge Mann wand sich in einem inneren Kampf. Er wollte den Befehl seines Meisters nicht missachten, doch alles in ihm sträubte sich dagegen. „Meister!“ stieß er hervor, „traut ihr nicht! Wer sagt Euch, dass sie wirklich Eure Verwandte ist?“ „Wir werden es nach dem Mahl überprüfen“, erwiderte Zanrelot ruhig, „doch unabhängig davon soll sie unsere Gastfreundschaft genießen. Wer sich freiwillig zu mir begibt, soll es nicht bereuen.“

Im Handumdrehen hatte Matreus eine festliche Tafel in die Zentrale gezaubert. An einem Ende des langen Tisches saß Silke, ihr gegenüber, am anderen, Zanrelot. Matreus hielt sich demütig und dienstbereit im Hintergrund. Silke fühlte sich wie eine Fürstin, so stilvoll war das ganze Ambiente, so charmant der Gastgeber und so anregend das Gespräch. Und doch wusste sie, dass sie wachsam bleiben musste, dass all das nur fauler Zauber war und dass sich hinter der ausgesucht höflichen Fassade höchste Gefahr verbarg. Sie spielte dennoch gern mit.

Silke lehnte sich zurück, mehr als gesättigt von den erlesenen Speisen. Ihr Gastgeber hatte währenddessen nichts als eine grüne Flüssigkeit aus einem gläsernen Pokal zu sich genommen. Er lächelte ihr zu und seine Augen glühten im Kerzenlicht wie die einer Katze. „Ich glaube, es wird Zeit für die Probe, auf der Matreus besteht“, sagte er mit einem Anflug von Bedauern in der Stimme, „ein kleiner Ausflug wird uns Gewissheit verschaffen. Seid Ihr bereit?“

Ohne Zögern hatte Silke der Zeitreise zugestimmt, in der Gewissheit, die Wahrheit gesagt zu haben. Jedenfalls in dem Punkt, seine Verwandte zu sein. Er wollte ja nicht ihre andere Behauptung überprüfen: dass sie nichts Böses im Schilde führte. Sie versuchte sich einzureden, dass auch ihr Plan nichts Böses sei, da er je letztendlich dem Guten diente. Aber heiligte der Zweck wirklich die Mittel? Sie verdrängte den quälenden Gedanken und konzentrierte sich auf den Augenblick. Der eben noch ‚jetzt’ war und plötzlich fünfhundert Jahre zuvor.

Sie fand sich im lärmenden Gewühl einer mittelalterlichen Schänke. Um sie herum fremde, rohe Menschen, vom Bier berauscht, johlend und pöbelnd. Ein stämmiger Mann in bunter, zerlumpter Kleidung fasste ihr grob ans Gesäß und lachte ordinär. „Zanrelot?“ fragte sie ängstlich in die Menschenmenge hinein. Zanrelot, als wäre er der Richtige, um ihr zu helfen! Immerhin, der einzige vertraute Mensch in dieser fremden Umgebung. „Ich bin ja bei dir“, hörte sie ein zartes Stimmchen. Nicht seine Stimme, viel zu hoch, und sie kam von viel zu tief unten. Silke beugte den Kopf und sah einen schmächtigen Jungen mit langem, feinem, blondem Haar und blassem Gesicht. In seinen grüngrauen Augen erkannte sie Klugheit und Trauer und viel zu viel Wissen für ein Kind. „Komm!“ forderte er sie auf, „ich zeige dir den Weg nach draußen.“ Sie ergriff seine schmale Hand und ließ sich fortziehen. Doch auf halbem Wege zur Tür stellte sich ihnen der breitschultrige Wirt in den Weg. „Verfluchter Bastard!“ herrschte er den Jungen an, „spielst du schon wieder herum, statt die Gäste zu bedienen? Warte nur, dich werd ich lehren!“ Er schlug dem Kind so derb mit der Faust ins Gesicht, dass es der Länge nach hinfiel und ihm das Blut aus Mund und Nase tropfte. Silke schrie entsetzt auf, doch sie konnte nicht eingreifen. Grobe Hände hatten sie gepackt und hielten sie fest. „Wer ist das?“ herrschte der Wirt den Jungen an und deutete auf sie, „auch so eine Hure wie deine Mutter?“ Die grüngrauen Augen des Jungen flammten im purem Grün auf vor Zorn. „Meine Mutter war keine Hure!“ schrie er, „sie war eine ehrbare Magd!“ Der Gastwirt lachte hässlich: „Ja, so ehrbar, dass sie unserem feinen Herrn Bürgermeister einen Bastard gebar! Gott hat sie gestraft, durch die Pest. Und wenn er deinen Herrn Vater nicht auch bald straft und zu sich holt, dann werden wir selbst dafür sorgen!“ Er versetzte dem Kind einen Tritt. Der Kerl, der Silke gepackt hatte, ließ von ihr ab, um seinem feinen Freund zu helfen und auf den Jungen einzuprügeln. „Lauf!“ wisperte der, „Silke, lauf nach draußen! Ich komme nach, ich finde einen Weg.“ Sie zögerte, wollte lieber bleiben und ihm beistehen. Doch in dem Blick des kleinen Kerls lag etwas, das keinen Widerspruch duldete. Silke rannte los, durch die gaffende Menge und die offene Tür, und ließ ihn zurück.

Sie fühlte sich schrecklich. Verschnaufend lehnte sie sich gegen eine kühle Mauer in dem versteckten Winkel, in dessen Schutz sie sich geflüchtet hatte. Ihre Lungen und ihre Beine schmerzten. Aber noch mehr tat es weh, dass sie den wehrlosen Jungen bei diesem Pöbel zurückgelassen hatte. Tränen brannten in ihren Augen, Tränen der Wut über diese brutale Meute und über sich selbst. Was war sie nur für eine Nachfahrin eines großen Mannes? Nichts als eine feige Memme, das war sie!

„Nicht weinen!“ sagte eine leise Stimme, aber es klang weniger wie ein Trost, als wie ein Befehl. Silke schrak heftig zusammen, hörte aber augenblicklich auf zu schluchzen, wie unter einem Zwang. „Tränen machen nur schwach“, fuhr die Stimme fort, und obgleich die Worte härter waren als die vorangegangenen, klang die Stimme weicher. Silke wischte sich die Augen und erkannte den Jungen aus der Schänke. „Du hier?“ fragte sie ungläubig. Er grinste schief. „Ich sagte doch, ich finde einen Weg. Ich finde immer einen Weg. Das hat mein Vater mich gelehrt: Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Und mein Wille ist ein starker, ein sehr starker!“ Sie schniefte und bekam ebenfalls ein halbes Lächeln hin: „Und stark muss man wohl sein, um in dieser Welt zu überleben, was? Deshalb nicht weinen?“ Er nickte: „Deshalb.“

Sie strich ihm vorsichtig über das blutverklebte Haar. „Ich bin nicht von hier, weißt du“, sagte sie entschuldigend, „ich fürchte, ich muss noch viel lernen. Wenn ich dich nicht getroffen hätte, wäre ich hier völlig aufgeschmissen. Den Einzigen, den ich von, äh, zuhause, mitgebracht habe, hab ich im Gedränge aus den Augen verloren. Vielleicht weißt du ja, wo er ist?“ „Wer?“ „Zanrelot.“ Der Junge lachte. Sie wurde ungeduldig: „Und? Weißt du's?“ „Ja!“ „Gehen wir zu ihm?“ „Nein, zu meinem Vater. Komm!“ Sie fragte sich zwar, was sie beim Vater dieses Jungen sollte, doch sie lief ihm hinterher wie ein braves Kind. Sie, eine erwachsene Frau! Was hatte dieser kleine Kerl nur an sich, dass sie immer tat, was er wollte?

Er führte sie zu einem Haus etwas außerhalb der Stadt. Es war stattlicher als die armseligen Behausungen, die sie auf dem Weg dorthin zu sehen bekamen. Das Grundstück war von einer hohen Mauer umgeben. In regelmäßigen Abständen war sie von Löchern, vielleicht Schießscharten, durchbrochen, die Einblicke in den Garten erlaubten. Sie spähten hindurch und sahen einen bärtigen Mann mit auffälliger Knollennase und einen sehr jungen Mann an seiner Seite. „Das sind mein Vater und mein Bruder“, erklärte Silkes kleiner Begleiter und verbesserte sich gleich darauf: „Halbbruder.“ Seine Züge verbitterten sich bei diesem Wort. „Vaters ehelicher Sohn. Er will nichts von mir wissen. Mein Vater aber schon! Auch wenn ich nicht bei ihm wohnen kann und in der Schänke arbeiten muss, aber er kommt mich besuchen. Er sagt, ich sei etwas Besonderes. Alle anderen... na ja, du hast es ja gesehen.“ Sie nickte verständnisvoll. „Mein Vater ist alles, was ich habe“, flüsterte der Junge, „aber böse Menschen wollen ihn umbringen. Wenn sie das tun, beschützt mich niemand mehr. Es ist sehr schwer, seit meine Mutter tot ist, aber wenn er auch noch weg wäre, dann...“ Er brach ab, als ob er es sich lieber gar nicht vorstellen wollte.

Silke wusste nicht recht, was sie sagen sollte. Das Kind tat ihr leid und sie wollte es so gern trösten. Aber konnte sie das? „Niemand wird deinen Vater töten“, murmelte sie, obwohl sie nicht überzeugt davon war. Nach dem, was sie bisher von den hiesigen Leuten gesehen hatte, waren die zu allem fähig. Der Junge blickte sie an und sein Gesicht veränderte sich. Es war immer noch das des Kindes, aber mit einem Mal wirkte es noch wissender und es klang sehr endgültig, als er sagte: „Doch, das werden sie. Sie werden meinen Vater töten und mich verfolgen und jemand wird...“

Weiter kam er nicht, denn plötzlich wurden die beiden hinterrücks angegriffen. Flink wie ein Wiesel rettete sich der Junge auf einen Baum, doch Silke wurde von zwei starken Armen gepackt. „Wen haben wir denn hier?“ fragte eine heisere Stimme, „den Bastard des betrügerischen Bürgermeisters und... hm, ich frage mich, ob du seine neue Mätresse bist. Die Mutter seines nächsten Bastards, hä? Doch den wird er nicht mehr zeugen, so viel Zeit bleibt ihm nicht mehr!“ Er drehte ihr die Arme nach hinten, dass sie vor Schmerz aufschrie. „Dich nehm ich mit zu meinen Freunden“, beschloss er, „dann sollen die mal ihren Spaß mit dir haben, nicht immer nur Wullenwever! Und du, Bastard, wo auch immer du dich versteckst, hör gut zu: Bald komme ich wieder, mit vielen Leuten! Dann töten wir deinen sauberen Vater! Und dann dich!“ Er lachte roh und stieß Silke vor sich her zu seinem Pferd, das in der Nähe angebunden war. Doch bevor er mit seiner zappelnden Beute zwei Schritte vorwärts gekommen war, traf ihn jäh etwas Schweres so hart am Kopf, dass er besinnungslos zu Boden sank und seine Gefangene loslassen musste. Ächzend erhob sie sich und half auch dem Jungen auf. Er rieb sich das Steißbein, mit dem er auf dem Kopf des Schergen gelandet war. Trotz ihrer Blessuren beeilten sich die beiden, vom Ort des Geschehens wegzukommen.

„Danke!“ japste Silke, als sie weit genug entfernt waren. „Bitte“, entgegnete der Junge, „sei froh. Mein späteres Ich hätte das nicht getan.“ Sie sah ihn verständnislos an: „Dein späteres Was? Wovon redest du, wer bist du überhaupt?“ Er grinste. „Du bist nicht besonders helle, was? Wie möchtest du mich denn nennen? Franz Olte? Meister? Zanrelot?“ Sie starrte ihn an. „Du...?“ „Ja, ich. Wer sonst? Schließlich sind wir eigens in meine Vergangenheit gereist, oder?“ Sie ging in die Hocke, nahm das Kind an beiden Schultern und sah ihm prüfend ins Gesicht. „Ja, schon... Aber... Du bist so... anders.“

Er fixierte sie mit seinem durchdringenden Blick. „Anders? Kunststück! Ich war damals zehn Jahre alt. Das ist fünfhundert Jahre her. Was erwartest du? All das ist wirklich passiert. Sie haben meinen Vater auf die grausamste Weise umgebracht. Sie haben Jagd auf mich gemacht. Aber jemand hat sich meiner angenommen: der Schwarze Abt. Er hat mich vieles gelehrt: Magie, schwarze Magie, das sogenannte Böse. Ich nenne es: Macht; die Fähigkeit, sich zu wehren; Rache; meine Form von Gerechtigkeit.“

Silke senkte den Kopf. Ihr war wieder eingefallen, auf welcher Mission sie sich befand. Sie sollte Zanrelot vernichten, bevor er die Welt vernichten würde, aus Hass. Aus allzu verständlichem Hass...

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3 (Teil 3) am Mi Dez 24, 2008 2:00 am

Der junge Zanrelot ließ ihr nicht viel Zeit zum Nachdenken. „Wir müssen zu meinem Vater“, drängte er. „Was? Bist du verrückt? Dieser Kerl ist vielleicht wieder aufgewacht und wenn wir Pech haben, sind seine Freunde auch nicht weit.“ Doch er beharrte: „Nur um die Probe zu machen, sind wir hier. Wir nähern uns dem Grundstück von der anderen Seite. Komm!“

Was hatte er bloß vor? Tatsächlich gelang es ihnen, unbemerkt auf der gegenüberliegenden Seite die Mauer zu erklimmen und in den Garten hinabzuspringen. „Und jetzt?“ fragte Silke, die immer noch keinen Sinn in der Aktion sah. Zanrelot nahm sich nun endlich die Zeit, es ihr zu erklären: „Du hast gesehen, dass ich mit meinem früheren Ich verschmolzen bin. Das konnte ich nur, weil wir blutsverwandt sind. Nun, in diesem Fall so eng verwandt, wie man nur sein kann: Wir sind eins.“ Er deutete auf seinen Vater und seinen Halbbruder, die immer noch in ihr ernstes Gespräch vertieft waren und die Eindringlinge nicht bemerkt hatten. „Wenn du wirklich von ihm abstammst, kannst du mit ihm verschmelzen. Das ist die Probe. Du musst dich nur ganz fest auf ihn konzentrieren und die Zauberworte sprechen: ‚Imago imaginis’. Verstanden?“

Silke nickte, doch sie hatte ihre Zweifel. Nicht an der Wahrheit ihrer Abstammung, doch daran, dass ihr ein Zauber gelingen würde. Da aber Zanrelot, auch als kleiner Junge, sehr überzeugend sein konnte, tat sie brav wie geheißen. Sie richtete ihren Blick und all ihre Gedanken auf ihren Vorfahren und stieß dann die magischen Worte hervor: „Imago imaginis!“ Ein unbeschreiblich seltsames Gefühl überkam sie. Es kribbelte in ihrem ganzen Körper, als würde Sekt statt Blut durch ihre Adern fließen. Ihr wurde heiß und kalt zugleich. Für ein paar Augenblicke waren ihre Sinne und Gedanken getrübt. Dann kam sie wieder zu sich – und war nicht mehr da! Doch, sie war da, aber dort, wo sie noch eben gestanden hatte, war Zanrelot allein, weit weg von ihr. Ihr gegenüber stand dessen Halbbruder. Und sie... fühlte sich seltsam anders, ungewohnt groß und breit und stark. Fremde und eigene Gedanken mischten sich in ihrem Kopf. Silkes Pläne und Ängste und die Sorgen eines Fremden. Eines Mannes aus einer anderen Zeit, der um sein Leben fürchten musste. „Du musst fliehen.“ Sie fühlte die Worte aus ihrem eigenen Mund kommen und es war doch nicht ihre Stimme. Sie klang tief und voll. Entgeistert griff sie sich an den Mund – und spürte einen Bart. „Flieh!“ sprach die fremde Stimme aus ihr weiter, „ich komme nach, sobald ich Franz in Sicherheit gebracht habe.“ „Nein!“ rief der junge Mann ihr gegenüber aufgeregt, „flieh mit mir, Vater! Lass den Bastard! Wir haben keine Zeit zu verlieren!“ Sie – er – was auch immer – schüttelte den Kopf: „Niemals. Er ist mein Sohn wie du und ich setze große Hoffnungen auf ihn. Ich werde nicht ohne ihn gehen.“

Ein Teil von ihr wusste genau, dass Franz – Zanrelot – ganz in der Nähe war. Der andere Teil spürte es nicht, obwohl sie in die Richtung des Jungen blickte. Der junge Mann entfernte sich wütend und sie, nun wieder innerlich ganz Silke, nur äußerlich Mann, ging hinüber zu ihrem kleinen Begleiter. „Zanrelot“, sprach sie eigene Worte mit fremder Stimme, „nun hast du deine Probe gehabt, jetzt lass uns...“ Er unterbrach sie. Pures Entsetzen lag in seinem Blick und seine Stimme klang verzweifelt, als er ausrief: „Oh, Silke! Was hast du getan?“ Sie spürte Empörung in sich aufsteigen. „He, ich hab nur getan, was du verlangt hast! Ich bin mit ihm verschmolzen. Du siehst, er ist wirklich mein Vorfahr.“ Er schlug die Hände vor die Stirn und stöhnte: „Ja doch! Du hast die Probe bestanden. Aber du solltest dich mit meinem Halbbruder vereinen, nicht mit meinem Vater!“ Sie blickte ratlos drein. „Na und? Spielt das eine Rolle? Beide sind meine Vorfahren.“ „Schon“, seufzte er, „nur ist dies kein sehr günstiger Zeitpunkt, mein Vater zu sein...“

Jetzt hörte und sah sie es auch. Ihr Feind von vorhin hatte seine Freunde geholt: Die Häscher des Bischofs von Braunschweig kamen herangalloppiert, verstärkt durch eine Anzahl wütender Lübecker Bürger. Keinen Augenblick zu früh hatte Wullenwevers ehelicher Sohn die Flucht ergriffen. Aber Jürgen – Silke – Wullenwever war noch da, das Ziel ihres Hasses. Und Zanrelot, Franz Olte, der nicht minder verhasste Bastard des Bürgermeisters. Doch ihn übersahen sie ganz, denn er war nicht zugegen gewesen, als all dies geschah. „Ich bin eigentlich in der Schänke“, erklärte er ihr, „ich erfahre erst vom Tod meines Vaters, wenn alles vorbei ist. Aber du steckst leider noch eine halbe Stunde lang in seinem Körper fest. Vorher lässt sich der Zauber nicht lösen, er verklingt von allein.“ Er sah sie bedauernd an, während seine Umrisse immer mehr verblassten. „Tut mir leid, ich kann nicht länger bleiben, weil ich ja nicht hier bin. Und ich fürchte, diese halbe Stunde könnte recht entscheidend sein für dein weiteres... ähm... Leben.“ Sie verstand mühelos, wie deplaziert das Wort ‚Leben’ an dieser Stelle war. Zanrelots grüne Augen waren das Letzte, was sie von ihm sah, bevor er sich völlig in Nebel aufgelöst hatte und die Männer sie fortrissen.

Eine Panik nie gekannten Ausmaßes erfasste sie. So also fühlte sich Todesangst an. Wenn das der Zustand war, in dem Zanrelot aufgewachsen war, konnte sie seinen Hass auf die Welt verstehen. Nie hatte sie einen solchen Zorn verspürt, wie auf diese Männer, die sie brutal vorwärts stießen. Wie gern hätte sie ihnen all die Schläge und Tritte, Schmähungen und Drohungen heimgezahlt, doch sie war wehrlos. Und Wut gepaart mit Ohnmacht ist das Allerschlimmste.

Als sie schließlich in ein finsteres Kerkerloch geworfen wurde, hätte sie nicht sagen können, wie lange das Martyrium des Weges gedauert hatte. Es war ihr wie eine höllische Ewigkeit erschienen und doch musste sie befürchten, dass die entscheidende halbe Stunde längst nicht verstrichen war.

Sie erhob sich mühsam, ungeachtet ihrer trostlosen Verzweiflung und all der schmerzenden Stellen an ihrem Körper. Ihrem fremden, männlichen Körper. Weit oben gab es selbst in diesem finsteren Verlies einen kleinen Lichtschimmer, ein vergittertes Fenster. Sie zog sich mit letzter Kraft daran hoch, nur um in einiger Entfernung die Männer zu sehen, die ihre Hinrichtung vorbereiteten. Der Block, auf den sie ihren Kopf legen sollte und der Henker mit Kapuze und Beil waren schon da. Gleich würden sie sie holen!

Plötzlich verdunkelte sich die Öffnung. Im nächsten Moment sah sie ein Gesicht am Fenster. Zanrelot! Der Junge war zurückgekehrt. Mit gehetztem Blick sah er zwischen ihr und dem Henker hin und her. Silke konnte sich nicht länger halten, ließ das Gitter los und glitt auf den kalten Steinboden. Sie schaute hinauf in das Gesicht des Kindes. „Zanrelot!“ ächzte sie, „wie kannst du hier sein? Du hast gesagt, du kannst nicht da sein, wo du damals nicht warst...“ Er räusperte sich. „Nun, ähm,... da hatte wohl mein späteres Ich die Überhand über mein früheres gewonnen. Sie wechseln sich ab.“ Er rieb verlegen die Fingernägel am Aufschlag seiner Jacke. „Um die Wahrheit zu sagen, ich kann durchaus sein, wo ich will. Ich wollte aber nicht da sein, um mitgefangen zu werden oder mitzuerleben, wie mein Vater...“ Er verstummte. „Jetzt bist du ja da“, seufzte sie, „nun hol mich aber hier raus! Schnell!“

In seine grünen Augen trat wieder dieser bedauernde Blick, aber sie konnte sich nicht mehr sicher sein, ob er echt war oder gespielt. „Es tut mir leid, das kann ich nicht. Das kann ich wirklich nicht. Es wäre auch fatal, meine eigene Vergangenheit zu ändern. Glaubst du, ich hätte nicht längst den Tod meines Vaters auf diese Weise rückgängig gemacht, wenn das so einfach wäre? Doch wenn ich das Schicksal meines Vaters verändere, gefährde ich die Existenz all seiner Nachkommen in der Zukunft. Meine,... auch deine.“

Das konnte doch alles nur ein verrückter Traum oder ein schlechter Film sein! Verflucht, sie wollte hier raus! Aus diesem Kerker, aus diesem Körper und aus dieser Zeit, wo alle wahnsinnig waren! „Zanrelot!“ schrie sie, „es ist mir ziemlich egal, was aus meiner Zukunft wird, solange ich die sichere Aussicht habe, in wenigen Augenblicken geköpft zu werden! Verdammt, hilf mir!“

„Das Unvermeidliche wird geschehen“, sagte er mit einer Ruhe, die sie in den Wahnsinn trieb. Machte er das mit Absicht? Verfluchter, kleiner Dämon! Für einen Moment hatte sie das Gefühl, das Ganze sei ein Spiel für ihn. Doch als er weitersprach, hörte sie das kaum merkliche Zittern und die ungeweinten Tränen aus seiner Kinderstimme heraus. Zanrelot mochte der Welt erzählen, was er wollte, es war ihm auch in fünfhundert Jahren nicht gelungen, die von ihm so geschmähten menschlichen Gefühle loszuwerden! „Sie werden meinen Vater töten“, wisperte er, „ich kann es nicht aufheben.“

Er tat ihr leid, aber noch viel mehr tat sie sich momentan selbst leid. Sie begann hemmungslos zu schluchzen. „Du kannst es wirklich nicht aufheben?“ „Nein. Aber vielleicht aufschieben. Bis du diesen Körper verlassen hast.“ Neue Hoffnung durchflutete sie jäh. „Ja? Tu das! Oh, ja, ja, ja, tu das!“ Er blickte voller Hass und Verachtung auf sie herab. „Ja, ja! Dann bist du froh! Was aus meinem Vater wird, ist dir ganz egal!“ „Er... Es ist fünfhundert Jahre her“, wandte sie zaghaft ein. „Nicht für mich“, entgegnete er verbittert, „in mir ist es ewige Gegenwart.“

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4 (Teil 4) am Mi Dez 24, 2008 2:02 am

Er riss sich zusammen und wandte sich brüsk von ihr ab. „Ich lenke sie ab.“ Entschlossen schritt er auf den Hinrichtungsplatz zu, wo sich bereits eine Menge geifernder Gaffer eingefunden hatte. Silke konnte nicht anders, als zu denken: ‚Mutiger, kleiner Kerl!’ Sie biss sich auf die Lippe, als der Henker und die Meute auf ihn aufmerksam wurden. Für einen Moment vergaß sie, dass auch ihr eigenes Leben von seinem Erfolg abhing und konnte nur hoffen, dass ihm nichts passierte. Im nächsten Augenblick schalt sie sich für ihre eigene Unlogik, denn der Sinn dieses ganzes Abenteuers war, Zanrelot zu vernichten. Welchen Sinn machte es, das Überleben des Kindes zu wünschen, nur um später den Mann zu töten? Und doch hätte sie dem Jungen nicht ein Haar krümmen können, wenn man es von ihr verlangt hätte.

Wütende Stimmen schrien durcheinander: „Wullenwevers Bastard!“ „Ergreift ihn!“ „In den Kerker mit dem Bengel!“ „Ach was, gleich mit aufs Schafott, den kleinen Satansbraten!“ Silke schrie mit ihrer Männerstimme auf, als mehrere Hände nach ihm griffen. In diesem Schrei brach nicht nur ihre eigene Angst um sich und Zanrelot aus ihr heraus, sondern auch die verzweifelte Sorge des liebenden Vaters um seinen Sohn. Jemand lachte roh. „Habt ihr das gehört? Der alte Wullenwever schreit in seinem Loch nach seiner Brut! Los, murksen wir den Jungen zuerst ab, das ist eine nette Zugabe für den Alten!“ Doch Zanrelot entwischte den Händen, die ihn fangen wollten. „Verflucht!“ brüllte sein Häscher, „das kleine Biest ist schlüpfrig wie ein Aal! Wie macht er das?“ Andere verhöhnten den Versager, fassten ebenfalls zu, – doch niemand bekam den Jungen zu fassen. Er sprang hin und her wie ein Funke, war bald mehr grüner Nebel als menschliche Gestalt und foppte sie bis zur Weißglut. Er zerrann ihnen zwischen den Fingern, rief ihnen Schmähworte zu, war einmal weit weg und dann wieder ganz nah, aber doch niemals greifbar. „Er ist ein schwarzer Magier!“ heulte jemand auf, „haltet ihn doch endlich! Auf den Scheiterhaufen mit ihm!“ Doch das war leichter gesagt als getan.

Silke war so vertieft in dieses Schauspiel, dass sie nicht merkte, wie jemand sich von hinten näherte. Zwei muskelbepackte Henkersknechte hatten sich in den Kerker geschlichen und packten sie von hinten. „Es ist Zeit.“ Das Blut hämmerte in ihrem Kopf, während sie ins Freie geschleppt wurde. ‚Nein!’ dachte sie verzweifelt, ‚es ist nicht Zeit! Es ist noch nicht Zeit! Wartet doch noch, nur ein wenig, es muss doch bald so weit sein!’ Doch kein Wort kam über ihre Lippen. Sie war wie gelähmt vor Angst. „Her mit ihm!“ befahl der Henker mit donnernder Stimme, „soll er halt doch zuerst sterben. Um das Balg kümmern wir uns später.“

Silke spürte all die Püffe, die der fremde Körper auf seinem Weg durch die Menschenmenge zum Schafott abbekam. In keinem Gesicht war Mitleid, sie konnte überall nur Schadenfreude, Hass und Sensationsgier lesen. Schon war sie kurz vor dem Richtblock angelangt. Der Henker wog das schwere Beil in seiner Hand. Silkes Kreislauf versagte vor Angst. Bunte Punkte tanzten vor ihren Augen und es durchrieselte sie eiskalt. Kalt und heiß und wieder kalt und wieder heiß... Wann hatte sie das schon einmal verspürt?

Als ihr klar wurde, was mit ihr passierte, rannte sie blitzschnell los. Sie entschlüpfte den Händen, die ihre Arme gepackt hatten, da ihre Handgelenke plötzlich viel schmaler waren. Ehe die Umstehenden begreifen konnten, was vor sich ging, war sie in der Menge untergetaucht und suchte das Weite. „Wo ist Wullenwever?“ hörte sie aufgeregte Stimmen hinter sich schreien. „Er ist auch ein schwarzer Magier!“ kreischte jemand, „Gott steh uns bei!“ Eine allgemeine Panik breitete sich aus. Aber Silke, die ihre flinken Frauenbeine wieder hatte, sah sich nicht um. Sie rannte und rannte und rannte. Irgendwann sprang ihr Zanrelot in die Arme. „Keine Sekunde zu früh!“ keuchte er und stieß ein paar Zauberworte hervor. Mit dem Jungen zusammen flog Silke durch einen Wirbel aus Zeit. Hinter ihnen ergriffen sie Wullenwever, dessen Körper nun wieder eigenständig existierte. Aber sie mussten nicht mehr mit ansehen, was geschah.


Sie fühlte sich benommen, als sie auf dem Boden der unterirdischen Zentrale aufschlug. Ihre erste Amtshandlung, nachdem sie wieder zu sich gekommen war, bestand darin, sich aus Zanrelots Griff zu lösen. Es war etwas anderes, einen kleinen Jungen im Arm zu halten, als einen gestandenen Mann von fünfhundert Jahren! Auch wenn er aussah wie fünfzig, aber auch das hätte keinen Unterschied gemacht. Ihm selbst schien die Situation ebenso peinlich zu sein wie ihr. Hastig trat er ein paar Schritte zurück und wedelte mit der Hand über seinen schwarzen Umhang, als wollte er ihre Berührung abwischen. Er räusperte sich und sagte mit seiner wiedererlangten, sonoren Männerstimme: „Also, die Probe war positiv. Das war alles, was ich wissen wollte. Gehen wir zum Tagesgeschäft über. Matreus!“ „Meister?“ Diensteifrig war der junge Mann herbeigesprungen, ganz offensichtlich erleichtert, dass sein Herr wieder da war. „Habe ich irgendetwas verpasst? Dumme, kleine Anschläge der Wächter auf unsere Unterwelt oder dergleichen?“ „Nichts, Meister, es ist alles ruhig.“ „Dann sollten wir das ändern.“

Die Wächter! Silke erinnerte sich wieder an ihren Auftrag und versuchte, das eben Erlebte abzuschütteln. Wär doch gelacht, wenn sie das nicht ebenso mühelos könnte wie Zanrelot! Sie tastete nach den Fläschchen in ihren Hosentaschen. Sie waren noch da.

Zanrelot war an sein Computerterminal getreten und beobachtete auf dem Bildschirm die vier Kinder, die ihm so viel Ärger bereiteten. Offenbar fand er, dass er nun wieder an der Reihe sei, sie zu ärgern. „Geh hinauf in die Oberwelt“, befahl er seinem Diener, „und sieh zu, ob du die Wächter dieses Mal erwischen kannst! Einmal muss doch Schluss sein mit dem Katz-und-Maus-Spiel.“ „Ich werde mein Bestes geben!“ beteuerte Matreus unterwürfig, doch Zanrelot seufzte. Er machte sich nicht sehr viel Hoffnung, dass sein Schüler diesmal erfolgreicher sein würde als sonst. Wenn er nur selbst nicht durch den Fluch in dieser Zeit an die Unterwelt gebunden wäre und oben nach dem Rechten sehen könnte! ‚Alles muss man selber machen’, dachte er, ‚wenn man nur wenigstens könnte.’

Silke blickte Matreus nach, als er ging. Er ließ sie mit Zanrelot allein! Ihre Stunde war gekommen.

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5 (Teil 5) am Mi Dez 24, 2008 2:04 am

Viele Bilder schossen ihr durch den Kopf, als sie hinter seinem Rücken zum Tisch ging, mit dem Fläschchen in der Hand. Die Wächter, wie sie sie mit ihrer Aufgabe vertraut gemacht hatten. Aber auch der junge Zanrelot, der mutig die mordlüsterne Meute ablenkte. Er hatte ihr das Leben gerettet, und was tat sie zum Dank? Doch sie durfte jetzt nicht wankelmütig werden. Zu viel hing davon ab. Ehe sie es sich anders überlegen konnte, schraubte sie das Fläschchen auf und goss den Inhalt in Zanrelots Trinkpokal. Der farblose Liebestrank mischte sich ziemlich unauffällig mit dem giftgrünen Elixier. Aber sie durfte nicht zuviel hineinschütten, sonst wäre das Grün zu sehr verdünnt worden. Hastig verschloss sie das halbleere Fläschchen und ließ es zurück in ihre Tasche gleiten. Sie warf einen ängstlichen Blick auf Zanrelot, ob er ihr Treiben auch nicht bemerkt hatte. Doch er wandte ihr nach wie vor den Rücken zu, gebannt auf seinen Bildschirm starrend. Für einen Menschen des Mittelalters hatte er sich in den fünfhundert Jahren ganz schön auf dem neuesten Stand der Technik gehalten, musste sie bewundernd anerkennen.

Sie betrachtete die einzelnen hellen Streifen auf der Rückseite seines schwarzen Umhangs. Ohne sich umzudrehen, winkte Zanrelot sie zu sich heran. „Sieh dir das an, meine Verwandte!“ forderte er sie auf, „Matreus schleicht sich gerade an einen der Wächter an, diesen Pinkas. Der Kerl ist unaufmerksam, denn er hat nur Augen für seine ach-so-tolle Karo.“ Er angelte ein Tolernachichi unter dem Computer hervor, eines der sprechenden Kuscheltiere, die er erfunden hatte. „Na, was sagt Pinkas zu seiner Karo?“ fragte er das Spielzeug, und es wackelte mit den Ohren und sagte mit seiner monotonen Stimme: „Ich hab dich sooo lieb! Du bist sooo toll!“ Zanrelot kicherte und stopfte das Tier wieder weg. „Genau das“, bestätigte er, „aber weitersprechen lasse ich dich lieber nicht, sonst hypnotisierst du Silke. Das wäre sehr unhöflich gegenüber einem Mitglied der Familie.“

Sie war von hinten an ihn herangetreten, den Pokal in der Hand, und schaute ihm über die Schulter. Zwiespältige Gefühle zerrissen sie innerlich. Er nannte sie ein Mitglied der Familie, doch was sie vorhatte, war viel schlimmer als unhöflich. Und konnte sie jemanden umbringen, der mit einem niedlichen Kuscheltier redete? Andererseits konnte sie gar nicht hinsehen, als Matreus sich an den armen, verliebten Jungen heranschlich. Wenn sie Zanrelot nicht bremste, würden er und sein Helfer womöglich großes Unheil über vier unschuldige Kinder und die ganze Welt bringen. Es tat ihr weh, zu sehen, dass er die erste Verliebtheit des Jungen für seine Zwecke ausnutzte, – obwohl sie ja selbst über das Tolernachichi kichern musste. Sie war wütend auf Zanrelot, dass er so gar kein Mitgefühl für die Emotionen des Kindes hatte. Aber andererseits, wie sollte er sie nachempfinden können? Er selbst hatte nie die Chance gehabt, von dem Kind, das sie gesehen hatte, zu einem normalen Jugendlichen heranzuwachsen. Als kleiner Junge hatte er am eigenen Leib nur Hass und Bosheit erfahren, dann hatte der Tod seines Vaters seine ohnehin erbärmliche Kindheit jäh beendet und der Einzige, der sich seiner angenommen hatte, der Schwarze Abt, hatte ihn der Welt entfremdet und seinen treu ergebenen Schüler nur Böses gelehrt. War es schlichtes Unverständnis, was Zanrelot die Liebe der Menschen verachten ließ? Oder seine dämonische Natur, für die Liebe, Licht und Gutes eben nicht dasselbe bedeutete wie für die Menschen „oben“, sondern Schmerz: das Gift, mit dem sie plante, ihn zu töten? Oder war es vielleicht Neid auf das, was ihm versagt blieb? Sein ganzes Schimpfen auf die kitschige Gefühlsduselei der Menschen, – war das am Ende nur der alte Fuchs, dem die Trauben zu hoch hingen?

Egal, sie durfte nicht länger grübeln und zögern. Sie hatte eine Mission zu erfüllen! Unauffällig zog sie das Fläschchen mit ihrem Stärkungstrank hervor und nahm einen kleinen Schluck. Gleich fühlte sie sich entschlossener. Sie steckte den Trank wieder weg und hielt Zanrelot seinen Pokal hin. „Trink, mein Verwandter!“ bot sie ihm an, „ein solcher Augenblick muss gefeiert werden.“ Er drehte sich halb um und ergriff lächelnd den Pokal. Es versetzte ihr einen Stich, als seine grüngrauen Augen sie arglos anblickten. Doch sie ließ sich nichts anmerken. Zanrelot ergriff das Gefäß, prostete Pinkas auf dem Bildschirm zu und trank. Er leerte den ganzen Pokal in einem Zug.


Zuerst passierte gar nichts. Doch plötzlich schien ihn ein heftiger Schmerz zu durchzucken. Er krümmte sich wie jemand, der starke Magenschmerzen hat, kniff die Augen zu und zog scharf die Luft ein. Ein paar Sekunden lang blieb er so stehen, dann entspannte er sich etwas und fiel seitwärts zu Boden. Dort rollte er sich zusammen und atmete heftig. Silke wandte den Blick ab und als sie nach etwa einer Minute wieder hinsah, hoffte sie, dass alles vorbei war.

Doch er schien sich vorübergehend zu erholen. Er setzte sich halb auf und schaute sie an, nicht ahnend, dass er ihr seinen Zustand zu verdanken hatte. „Was ist das?“ ächzte er, „das muss der Anblick dieser verknallten Gören gewesen sein! Ich hätte wissen müssen, dass ich es nicht vertrage. Aber ich wollte so gern sehen, wie... Autsch! Verdammt...“ Erneut schienen ihn schmerzhafte Krämpfe zu schütteln.

Sobald er wieder sprechen konnte, bat er sie: „Hilf mir hinüber zu meiner Liege! Verflucht, dass gerade jetzt Matreus nicht da ist! Er würde mir eine Infusion zurechtmachen.“ Sie folgte seinem Blick zu dem Ledersessel, der auf eine mehr liegende als sitzende Position eingestellt war. Erst blieb sie untätig stehen, doch als er sie zum zweiten Mal bat, stützte sie ihn so weit, dass er sich zu seiner Liege schleppen konnte. Wenn sie ihn schon umbrachte, musste er nicht auch noch würdelos auf dem Fußboden sterben. Außerdem schöpfte er besser keinen Verdacht gegen sie, so lange noch etwas Leben in ihm war.

Sein Gesicht war noch blasser als sonst und der grünliche Schimmer darauf stammte nicht nur von der Beleuchtung hier unten. Kalter Schweiß trat auf seine Stirn und seine Hände, die sich in die Armlehnen krallten, zitterten. Er sah sie hilfesuchend an, ausgerechnet sie, und sein Blick flackerte. Oh, warum musste es bloß so lange dauern? Warum hatte ihr das keiner gesagt? Aber was hatte sie sich eigentlich vorgestellt? Dass Töten eine saubere Sache wäre? Dass er von einem Moment auf den anderen ganz einfach nicht mehr da sein würde? Sie musste sich eingestehen, dass sie sich überhaupt keine Vorstellung davon gemacht hatte. ‚Augen zu und durch’ war ihr Motto gewesen, aber nun lag er hier und rang vor ihren Augen einen aussichtslosen und nicht enden wollenden Kampf mit dem Tod. Sie wünschte sich ganz, ganz weit weg. Aber sie konnte jetzt auch nicht einfach gehen. Wie unter einem Zwang musste sie stehenbleiben und ihm beim Sterben zusehen.

Nach jedem erneuten Anfall, der ihn schüttelte, war er noch geschwächter als zuvor, doch es reichte immer noch nicht aus, um der Quälerei ein Ende zu machen. Irgendwann war er so entkräftet, dass er seine strikte Selbstbeherrschung verlor und zu weinen begann. Seine Tränen waren durchscheinend-grün und wahrscheinlich hatte er das bis heute selbst nicht gewusst. Sie konnte nicht anders als mitzuweinen. ‚Stirb doch endlich’, dachte sie verzweifelt, ‚bitte stirb doch endlich! Dann ist es vorbei.’ Doch diesen Gefallen tat er ihr und sich nicht.

Zwischen den Anfällen erholte er sich jeweils so weit, dass er ruhiger atmen und sogar ein paar Worte sprechen konnte. Er hatte dann die Augen offen und sah Silke an, murmelte Verwünschungen gegen sich selbst, weil er sich leichtsinnig dem Anblick der verliebten Jugendlichen ausgesetzt hatte und wunderte sich darüber, dass die Wirkung diesmal so extrem ausfiel. Normalerweise wurde ihm doch nur schlecht oder er fühlte sich etwas schwach. Silkes Gewissen biss immer schmerzhafter zu, während sie ihm zuhörte und ihm den wahren Grund nicht nannte. Doch was dann kam, war noch schlimmer als alles Bisherige...

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6 (Teil 6) am Mi Dez 24, 2008 2:07 am

Wieder einmal war eine ruhigere Phase eingetreten. Zanrelot hielt die Augen noch eine Weile geschlossen und atmete tief durch, nachdem der Schmerz verebbt war. Dann hob er die Lider und schaute Silke in die Augen. Es lag so etwas wie eine stumme Bitte in seinem Blick. ‚Was will er von mir?’, dachte sie verzweifelt, ‚ausgerechnet von mir? Rettung? Erlösung?’

„Silke...“, flüsterte er. Seine Stimme war bereits sehr schwach. Sie schloss fest die Augen. ‚Ich kann dir doch nicht helfen!’ dachte sie. „Mach die Augen wieder auf!“ wisperte er. Ahnte er doch, was sie getan hatte, oder warum wollte er, dass sie ihm in die Augen sah? „Sie sind so schön...“ Was? Sie musste sich verhört haben! Vor Überraschung riss sie die Augen weit auf und starrte ihn an. Er lächelte schwach und sah ihr tief in die Augen, die seinen eigenen so ähnlich waren. „Deine Augen sind so schön“, wiederholte er. Sie hatte doch richtig gehört.

„Bitte“, flehte er, „halt... meine... Hand...“ Konnte man einem Sterbenden eine solche Bitte verweigern? Eigentlich nicht, aber galt das auch, wenn man selbst die Mörderin war? Und vor allem: Seit wann baten Dämonen um so etwas? Nach kurzem Zögern schlug sie ihre Zweifel in den Wind und tat, was sie für das Richtige hielt: Sie erfüllte seinen vielleicht letzten Wunsch. Sie ergriff seine Hand, die schlaff auf der Sessellehne hing. Er hatte nicht einmal mehr die Kraft, sich festzukrallen, wenn die Schmerzen kamen. Seine Hand war ganz kalt. Er lächelte, als ihre warmen Finger sich darum schlossen, - doch im nächsten Moment zuckte er vor Schmerz zusammen. Ein neuer Anfall schüttelte ihn. Erschrocken zog Silke ihre Hand weg und schon hörte der Krampf auf. Natürlich! Für den Dämon war Zärtlichkeit nicht Trost, sondern Qual! Doch er bat sie inständig: „Hör nicht auf! Geh nicht weg! Halt mich fest!“

Sie wagte einen zaghaften zweiten Versuch, doch der Effekt war derselbe, sobald ihre Hand ihn berührte. Sie zog sie rasch wieder weg. Er bat sie immer noch um dasselbe. „Nein“, sagte sie sanft, aber bestimmt, „ich tue dir doch nur weh.“ Hätte er gewusst, wie weh sie ihm wirklich tat! Aber sie musste es nicht noch schlimmer machen, als es ohnehin war. Warum äußerte er überhaupt eine so unvernünftige und für ihn so ungewöhnliche Bitte? Hatte der nahende Tod seinen Verstand verwirrt?

Er bat sie wieder und wieder, aber sie entgegnete standhaft: „Nein. Ich werde dich nicht berühren. Aber ich bleibe bei dir.“ Das wenigstens war sie ihm schuldig, auch wenn sie sich an jeden anderen Ort gewünscht hätte. Als er sah, dass er nicht mehr die Kraft hatte, ihr seinen Willen aufzuzwingen, gab er es auf. Er verzichtete auf ihre Berührung. Stattdessen redete er nun auf sie ein, so oft sein Zustand es erlaubte. Und was er da von sich gab, war nur auf den ersten Blick wirres Zeug. Mit jedem Wort begriff Silke mehr, was passiert war.

Seine Stimme war nicht nur schwach, wie ihr jetzt klar wurde, sie war auch untypisch weich. Auch sein Blick war weich, er war... liebevoll? „Silke“, säuselte er, „weißt du eigentlich, wie unbeschreiblich schön du bist? Du bist die wundervollste Frau, die mir im letzten halben Jahrtausend begegnet ist!“ Der Liebestrank! Er wirkte nicht nur als Gift, sondern eben auch als solcher! „Oh Gott“, stöhnte Silke auf, „das halt ich nicht aus!“ „Was?“ hauchte er verwundert, „kannst du keine Komplimente aushalten? Wir sind uns ähnlicher, als ich dachte.“ Doch was sie nicht aushielt, war etwas ganz anderes: Die Tatsache, dass sie ihn langsam und qualvoll umbrachte, während er... sie liebte! Es machte das ohnehin Unerträgliche noch schlimmer.

„Hör auf!“ schrie sie ihn an. Er zuckte zusammen und seine Augen füllten sich wieder mit grünen Tränen. Sie bereute ihren Ausbruch und beruhigte ihn: „Es war nicht so gemeint. Ich wollte nur sagen: Hör bitte auf, es tut dir doch nicht gut.“ Doch was tat er? Er himmelte sie an, mit seiner allerletzten Kraft! So ging es nicht, sie musste es anders versuchen.

„Denk nach, Zanrelot!“ bat sie ihn, „das ist doch alles nur Gefühlskitsch. Das magst du doch gar nicht, erinnere dich! Das ist alles alberner Kram.“ Er sah sie verliebt an. „Du bist ein schwarzer Magier, ein Dämon, der Große Zampano, äh, Zanrelot...“ Himmel, sie war ja schon völlig daneben! Aber ihr peinlicher Versprecher fiel ihm nicht einmal auf, so sehr war er in ihren Anblick vertieft. Lieber redete sie sich weiter um Kopf und Kragen, als ihn in diesem Zustand zu lassen. „ZAN-RE-LOT!!! Wach auf, du bist der Meister, du willst die Welt beherrschen, dir geht es nur um Macht, du hasst Gefühle, du hasst Liebe, du hasst mich, okay?” Sein Blick wurde immer verklärter: „Ich liebe dich!“ Ein neuer, fürchterlicher Krampfanfall schüttelte ihn bei diesen Worten.

Einer plötzlichen Eingebung folgend, eilte sie zum Computerterminal und angelte das Tolernachichi hervor. Sie hielt es dem Dämon vors Gesicht und fragte: „Wie redet Zanrelot gerade?“ Das Kuscheltier wippte mit den Ohren und schnarrte: „Ich hab dich sooo lieb! Du bist sooo toll!“ „Ja, genau so!“ bestätigte Silke, „ist das nicht lächerlich, Zanrelot? Komm, lach mit mir darüber! Bitte!“ Doch er sah sie sehr ernsthaft verliebt und verständnislos an. Unterdessen leierte das Tolernachichi weiter seinen Text herunter. Mit leiser, eindringlicher Stimme raunte es: „Sag einfach Ja! Sag einfach nur Ja! Vergiss deinen eigenen Willen und deine...“ Zanrelot nahm seine ganze Kraft zusammen, um ihm auf den Kopf zu hauen, bis es verstummte. Erschöpft sank er auf sein Lager zurück. „Es ist nicht höflich, meine Liebste oder mich zu hypnotisieren!“ schalt er das Tier mit schwacher Stimme. Dann konnte er ein paar Minuten lang nichts mehr sagen. Silke trug das Tolernachichi an seinen Platz zurück und hockte sich wieder an Zanrelots Sterbebett. Das Kuscheltier war ihre letzte Hoffnung gewesen, die Neben- oder eigentlich Hauptwirkung des Liebestrankes zu besiegen.

‚Es wird höchste Zeit, dass er stirbt.’ Sie erschrak, als sie sich bei diesem eiskalten Gedanken ertappte. Musste sie sich allmählich fragen, wer hier Mensch und wer Dämon war? Aber sie konnte einfach nicht mehr. Und er doch auch nicht, warum konnte es nicht endlich vorbei sein? Sie fing an, aus lauter Selbstmitleid vor sich hin zu wimmern, obwohl er mehr Grund dazu gehabt hätte. Dann beschloss sie, dass es so nicht weitergehen konnte. Sie musste jetzt stark bleiben und die Sache durchziehen. Der Stärkungstrank! Der hatte ihr schon einmal geholfen! Jetzt brauchte sie ihn nötiger denn je, sonst würde sie jeden Moment zusammenbrechen. Gerade noch, als sie den Eindruck hatte, sie würde in Ohnmacht fallen, zerrte sie hastig den Trank aus der Tasche und stürzte ihn hinunter. Warm rann er ihre Kehle hinab bis in den Magen. So, gleich würde es ihr besser gehen! Jeden Moment musste die Wirkung einsetzen und bei dieser Dosis würde es ihr dann gar nichts mehr ausmachen, Zanrelot leiden zu sehen. Sie würde das hier aussitzen, bis er tot war. Lange konnte es ja nicht mehr dauern.

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7 (Teil 7) am Mi Dez 24, 2008 2:09 am

Sie betrachtete ihn und wartete darauf, dass das Mitleid aufhörte. Noch tat er ihr leid, wie er so dalag und sich quälte und sie, seine Mörderin, liebte. Aber jeden Moment würde es ihr endlich gleichgültig werden. Ja, noch war es schlimm, mitanzusehen, wie er sich abmühte, die schweren Augenlider offen zu halten, um sie anzuhimmeln. Noch rührte sie der vertrauensvolle Blick seiner brechenden Augen,... seiner graugrünen, einzigartig stechenden, unvergleichlichen, schönen Augen! Und diese elegant geschwungenen Brauen darüber, das silberne Haar, die sinnlichen Lippen... Wie gemacht, um sie zu... küssen! Sie machte sich über ihn her und staunte, wie weich die Lippen eines Dämons sein konnten.

Sie schrak hoch, als dieselben Lippen sich zu einem grauenhaften Schmerzensschrei verzerrten. „Das tat weh!“ quietschte er, nur um sich gleich darauf zu korrigieren: „Das tat gut. Mach weiter!“ Das ließ sie sich nicht zweimal sagen. Ein zweites Mal eroberte sie seine Lippen mit einem leidenschaftlichen Kuss. Nie im Leben hatte sie ein so berauschendes Gefühl verspürt! Verdammt, war so ein Dämon ein guter Lover! Zu dumm nur, dass es ihm zwar einerseits auch zu gefallen schien, aber gleichzeitig schadete. Nachdem er mehrmals vor Schmerz heftig zusammengezuckt war, ließ sie schweren Herzens von ihm ab. Besorgt betrachtete sie ihn. Ihre Liebkosungen hatten ihn weiter geschwächt. Er war in einem wahrhaft erbärmlichen Zustand und wenn sie so weitermachte, würde er sehr bald tot sein. Aber plötzlich wollte sie das gar nicht mehr! Er tot? Was für eine schreckliche Vorstellung! Wie hatte sie so etwas je wünschen können! Sie stellte im Gegenteil fest, dass sie alles dafür geben würde, ihn zu heilen! „Zanrelot“, flüsterte sie zärtlich, „liebster, bester Zanrelot! Ich wünschte, du wärst wieder gesund. Ich würde mein eigenes Leben geben, wenn ich deines damit retten könnte!“ „Niemals würde ich das zulassen!“ beteuerte Zanrelot.

Wenn sie doch nur irgendetwas für ihn tun könnte! Ihr fiel der Stärkungstrank ein, aber den hatte sie ja leider für sich selbst aufgebraucht. Sie zog das leere Fläschchen aus der Tasche, um nachzusehen, ob nicht wenigstens noch ein winziger Tropfen übrig wäre. Aber was war das? Warum war er denn noch halb voll? Sie zog die andere Flasche hervor, den mörderischen Liebestrank: Leer! Ihr dämmerte, was passiert war. In ihren Adern floss derselbe Liebestrank wie durch Zanrelots! Nur hatte er bei ihr ausschließlich seinen eigentlichen Effekt, keine tödliche Nebenwirkung. Ihr eigener Zustand der Verliebtheit war also ebenso unecht wie Zanrelots. Aber was machte das schon, so lange er sich so gut anfühlte? Sie hätte ihn nicht beenden wollen, selbst wenn sie gekonnt hätte.

Bei Zanrelot lag die Sache leider anders. Zwar schmeichelte ihr seine Liebe, doch sie brachte ihn Stück für Stück um. Sie wollte doch alles andere, als ihm wehzutun oder ihn zu vernichten! Eher verzichtete sie selbst auf das, was sie am meisten ersehnte, als ihm zu schaden. Denn wahre Liebe ist nicht egoistisch, sondern aufopfernd. So versagte sie sich ihm, als er wieder Berührungen oder Küsse erbat, obwohl es sie mit aller Macht zu ihm hinzog. „Nein“, sagt sie schweren Herzens, „nein, Liebster, es würde dich umbringen.“ Seine eigenen Liebesgefühle schwächten ihn schon schlimm genug, und selbst Wörter wie ‚Liebster’ würde sie sich in Zukunft verkneifen müssen, denn sie verursachten ihm sichtlich Schmerzen. Wenn es weiter so mit ihm bergab ging, würde sie ihn bald verlieren.

Es gab nur eine einzige Hoffnung auf Rettung und selbst die war sehr vage. Vielleicht wäre Zanrelot in der Lage, sich selbst zu helfen, wenn er nur wüsste, woran er litt. Sie musste es ihm sagen, selbst wenn er sie dafür töten würde! Sie senkte den Kopf und bekannte sehr leise: „Du, Zanrelot,... ich muss dir etwas sagen...“ „Ja, Liebs... Autsch! Also, ja?“ „Ich habe etwas Furchtbares getan. Ich bin an deinem Zustand schuld, nicht die verliebten Kinder auf dem Monitor. Ich habe... Oh, Zanrelot, ich habe dir einen Liebestrank in dein Getränk gemischt, obwohl,... nein, weil ich wusste, dass es dich töten würde. Glaub mir, es tut mir so leid, ich wünschte, ich könnte es rückgängig machen! Ich kann nicht mehr verstehen, wie ich deinen Tod wünschen konnte, aber ich weiß, dass ich dich nie leiden lassen wollte! Du darfst mich jetzt gern hassen oder töten, aber bitte rette erst einmal dich selbst! Das kannst du doch, oder?“ In ihren verheulten Augen lag eine verzweifelte Hoffnung.

Doch wie sollte er sich selbst helfen? Er lag da und konnte kaum mehr den kleinen Finger rühren. Es ging zu Ende mit ihm. Ein trauriges Lächeln huschte über sein Gesicht. „So, so, ein Liebestrank“, murmelte er kaum hörbar, „das war es also. Ein Gegengift könnte helfen, Matreus wüsste, was zu tun ist. Aber er ist nicht hier und mir versagen die körperlichen und magischen Kräfte. Es ist zu spät, meine Liebste.“ Er hatte die Worte bewusst ausgesprochen, ungeachtet der Schmerzen, die sie ihm verursachten. Silke brach erneut in heftiges Weinen aus. „Nenn mich nicht so!“ schluchzte sie, „du tust dir nur weh und ich habe es nicht verdient. Du solltest mich hassen!“ Er deutete ein Kopfschütteln an. „Das kann ich nicht und will ich nicht. Ich – liebe – dich!“ Dreimal zuckte er heftig vor Schmerz zusammen. Tapfer sprach er weiter: „Und ich werde nicht aufhören, das zu sagen! Mit mir ist es sowieso vorbei, was macht es noch aus, ob es ein bisschen schneller so weit ist oder ob es wehtut? Wenn ich schon sterben muss, dann will ich es in deiner Umarmung tun, und wenn sie mich verbrennt! Ich will das haben, worauf ich seit fünfhundert Jahren verzichten musste. Der Fluch kann es mir nicht länger vorenthalten, er kann mich nur dafür mit dem Tode bestrafen. Aber ich bekomme, was ich will! Wer zuletzt lacht, lacht am besten!“ Er mobilisierte seine letzten Kräfte und zog Silke in seine Arme. Und er lachte, ein trotziges, beinahe wahnsinniges Lachen, in das sich eine Spur von Schmerzenslauten mischte.

Hemmungslos schluchzend überließ sich Silke seiner Umarmung, die gleichzeitig Genuss und Qual war, nicht nur für ihn, sondern auch für sie. Wusste sie doch, dass es das Schlechteste war, was sie für seinen Zustand tun konnte. Aber wenn er entschlossen war, in ihren Armen zu sterben, dann sollte er diesen letzten Wunsch erfüllt bekommen. Und das Letzte, was er hörte, sollten keine Flüche und Verwünschungen sein, sondern liebe Worte. Sie taten ihm weh, aber er wollte es so. Und er hatte ein so langes Leben lang darauf verzichten müssen. „Zanrelot“, flüsterte sie zärtlich, „ich bin bei dir, mein Liebling. Mein wundervoller Zanrelot! Ich will für immer bei dir sein und wenn ich nicht mit dir leben kann, möchte ich mit dir sterben.“


Kaum hatte sie diesen Wunsch ausgesprochen, näherte sich jemand, der ihn ihr bestimmt gern erfüllen würde: Matreus kehrte heim. Er war noch nicht um die Ecke gebogen und sah nicht, was passiert war. Schon beim Hereinkommen fing er an, sich zu entschuldigen: „Meister? Wo seid Ihr? Ich, ähm,... ja, also... Die Wächter... Sie sind mir wieder durch die Lappen gegangen. Bitte reißt mich nicht in Stücke, Meister! Es soll auch nie wieder vorkommen, beim nächsten Mal werde ich... Meister? MEISTER!!! Was ist mit Euch, Meister, bei allen Unheiligen, was ist passiert?“ Mit einem Satz kniete er an Zanrelots Liege und hatte Silke von ihm weggezerrt. „Was hast du mit ihm gemacht?“ fuhr er sie an, „geh weg von ihm, du tust ihm weh! Du bringst ihn um!“ „Ja, das tu ich!“ schluchzte Silke, „tu was dagegen, Matreus, tu doch was! Er sagt, du kannst das!“ „Tja“, schnaubte er, „wenn ich vielleicht mal wüsste, was hier los ist?“ „Ein Liebestrank!“ stieß sie hervor, „in seinen Adern fließt ein Liebestrank. Hilf ihm!“ Matreus fluchte laut. „Das Schlimmste war gerade gut genug, was? Ich frag mich, wie das Zeug in seine Blutbahn kommt...“ Er sah sie hasserfüllt an, doch dann beschloss er: „Aber das können wir später klären. Ich muss einen Gegentrank brauen! Und du, rühr ihn nicht an oder du wirst dir wünschen, nie geboren zu sein!“

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8 (Teil 8) am Mi Dez 24, 2008 2:12 am

Sie rührte Zanrelot tatsächlich nicht mehr an, als Matreus in ein Nebenzimmer verschwunden war. Nun, da wieder Hoffnung bestand, sein Leben zu retten, wollte sie nichts mehr riskieren, was ihn schwächen konnte. Im Gegenteil, ihr fiel wieder der Stärkungstrank ein, den sie ihm doch eigentlich geben wollte, als sie die Verwechslung bemerkte. Schnell zog sie das halbvolle Fläschchen hervor und flößte ihm den Inhalt ein.

„Jetzt wird alles gut“, versicherte sie mit zitternder Stimme, „ganz bestimmt! Matreus holt das Gegengift. Er wird gleich hier sein. Du wirst wieder gesund.“ Er lächelte schwach: „Ja, es wäre möglich. Dein Trank verschafft mir etwas mehr Zeit. Ich fühle mich schon ein klein wenig besser.“

Es verging höchstens eine Viertelstunde, bis Matreus mit dem frisch gebrauten Gegentrank und Zanrelots Infusionsgerät anrückte. Doch die Zeit erschien Silke wie eine Ewigkeit. Inzwischen erzählte ihr Zanrelot, dass sie den Tropf öfter mal anwendeten, allerdings gewöhnlich zu einem anderen Zweck: Sie probierten eine Desensibilisierung aus, eine ähnliche Therapie also wie bei Allergikern. Matreus flößte seinem Meister Emotionen ein, in geringer Dosis, in der Hoffnung, ihn nach und nach immun zu machen. Zanrelot war nicht allzu zuversichtlich, doch vielleicht würde er eines Tages in der Lage sein, Licht und Musik und den Anblick von Liebespaaren und all das auszuhalten, mit anderen Worten, in der Oberwelt zu leben. Silke bestärkte ihn in dieser Hoffnung, obwohl sie in diesem Moment einzig und allein darum bangte, ob er überhaupt leben würde.

Matreus stellte den Tropf neben die Liege und führte behutsam die Infusionsnadel in Zanrelots Hand ein, die der Kranke matt von der Sessellehne gehoben hatte. Silke konnte gar nicht hinsehen. Als sie die Augen wieder öffnete, sah sie bereits die grüne Flüssigkeit durch den Schlauch in seinen Körper laufen. Matreus hatte inzwischen noch etwas angeschleppt, eine Form, in die er Zanrelots Hand legte und in die sie genau passte. Oberhalb davon befand sich eine Skala mit Einteilungen von 0 bis 100 und ganz oben die Worte „Macht-o-Meter“ und „Macht über Lübeck : ...%“. Als Zanrelots Finger in der Form lagen, begann der untere Rand der Skala sich grünlich zu verfärben. Die Säule stieg hoch, kam aber nicht über 3% hinaus. „Verflucht!“ stieß Matreus wütend aus, „so weit hast du ihn gebracht! Er war bei etwa 80%, als ich gegangen bin!“ Er stellte das Messgerät beiseite und beobachtete den Fortgang der Infusion.

Zanrelot schwieg und hatte die Augen geschlossen. Nur selten schlug er sie während der langwierigen Prozedur auf, um ein paar Worte an Silke oder Matreus zu richten, die beide angespannt seinen Zustand beobachteten.

„Meine liebe Silke“, sagte er beim ersten Mal lächelnd, aber sie legte den Finger an die Lippen. Er sollte doch jetzt nichts sagen, was ihn wieder zurückwerfen könnte.

Beim zweiten Mal, etwa fünfzehn Minuten später, lächelte er nicht, sondern sah sie ernst und mit einem Ausdruck leichter Verwunderung an. „Geht es dir besser?“ fragte sie aufgeregt. „Hm,... ich glaube schon,... ja.“ „Meister!“ rief Matreus erleichtert aus, „ist das wahr? Ja, ihr seht schon wieder besser aus, Eure Macht kehrt zurück!“ In der Tat war Zanrelots Blick nicht mehr matt wie der eines Sterbenden. In seine Augen war lebendiger Glanz, sogar eine Spur magisches Leuchten zurückgekehrt. Matreus legte die Hand seines Meisters wieder in das Messgerät, das nun auf 12% kletterte. „Immerhin“, murmelte er.

Als Zanrelot sich zum dritten Mal regte, bat er Matreus, die Liege zu verstellen, so dass er etwas aufrechter saß. Sein Blick war nun schon recht wach und das Macht-o-Meter war bei 30% angelangt. Er sah Silke nachdenklich und irgendwie skeptisch an und verzog leicht die Mundwinkel. Dann schloss er die Augen wieder.

Bei ungefähr 40% richtete er wieder das Wort an die beiden: „Silke, Silke, was für eine teuflische Idee, mir einen Liebestrank zu verabreichen!“ Es schwang eine gewisse Anerkennung in seiner nun wieder recht kräftigen Stimme mit. „Und Matreus, Finger weg von ihr!“ „Meister?“ „Ich sag’s ja nur mal so...“

Schließlich, nach einer etwa einstündigen Therapie, pendelte sich das Macht-o-Meter bei 55% ein. „Mehr wird es heute nicht“, beschloss Zanrelot und erhob sich aus dem Sessel. Er ging noch etwas wackelig, aber aufrecht. Silke sprang reflexartig hinzu und stützte ihn, als er einmal stolperte. „Danke!“ sagte er höflich, aber kühl und entzog sich ihrem Griff. Der Liebestrank war eindeutig neutralisiert, nicht nur in seiner todbringenden Wirkung.

Silke hingegen stand noch voll unter dem Einfluss des Trankes. Es versetzte ihr einen Stich, dass er sie ohne eine Spur von Liebe ansah, doch in ihr überwog die Freude darüber, dass er wieder er selbst und bei Kräften war. „Ich liebe dich“, sagte sie, bevor ihr wieder einfiel, dass ihm das nicht gut tat. Er zuckte nur ganz kurz. Offenbar war er wieder recht widerstandsfähig. „Ich dich nicht“, antwortete er. Es klang wie eine reine Feststellung, nicht verbindlich, aber auch nicht zornig. „Ich weiß“, sagte sie leise, „das erwarte ich auch nicht. Du kannst es nicht und ich verdiene es nicht. Aber lass mich bei dir bleiben, bitte!“

Er sah sie mit echtem oder gespieltem Erstaunen an. „Das willst du nicht wirklich“, meinte er. Sie beteuerte, wie ernst es ihr damit sei und dass sie lieber für alle Zeit seine Sklavin sein wolle, als ihn zu verlassen. Er wirkte amüsiert. „Ach ja, der Liebestrank. Bei dir wirkt er ja noch. Wie unangenehm für dich.“ „Nein, gar nicht!“

Matreus mischte sich in ihr Gespräch: „Du willst für immer hierbleiben? Das kannst du haben, du mörderische Schlange! Du sollst im tür- und fensterlosen Kerker schmoren, bis du alt und grau bist!“ Zanrelot schnalzte mit der Zunge und sagte vorwurfsvoll: „Na, na, na! Entscheidet nicht immer noch der Meister über solche Dinge?“ Matreus sah aus wie ein getretener Hund. „Wollt Ihr sie denn nicht bestrafen, Meister?“ fragte er fassungslos, „warum schont Ihr sie?“ Zanrelot erwiderte mit betont gleichgültigem Schulterzucken: „Sie ist ein Teil meiner Familie. Wir sind nicht mehr allzu viele, weißt du?“ Die Augen seines Schülers wurden zu hasserfüllten Schlitzen vor lauter Eifersucht. Es war offensichtlich, dass er glaubte, mehr Anrecht auf einen Platz in Zanrelots Familie zu haben als sie. Und er hatte ja nicht ganz Unrecht. Doch für Zanrelot schien die gemeinsame Abkunft mehr zu bedeuten als jahrhundertelange Treue.

„Eure Familie!“ würgte Matreus hervor, „wo war denn Eure Familie, immer wenn Ihr sie brauchtet? Eure Mutter und Euer Vater waren nicht da, als Ihr ein Kind wart! Euer Sohn ist der unzuverlässigste Gefährte, den man sich vorstellen kann und wechselt die Seiten wie andere die Unterhosen! Eure saubere Verwandte wollte Euch auf hinterhältigste Weise ermorden! Aber Ihr liebt sie alle mehr als mich, der ich...“ Er wurde durch einen grünen Lichtstrahl unterbrochen, der ihm zischend zwischen die Füße schoss. Erschrocken starrte er auf den Brandfleck am Boden, dann hoch ins Gesicht seines Meisters. Es war wutverzerrt und Zanrelots Augen, die kein bisschen müde mehr wirkten, waren in grellstem Grün entflammt. „Pass auf, was du sagst!“ herrschte er seinen Zauberlehrling an. „Erstens, wie kannst du es wagen, mir zu unterstellen, ich würde irgendwen lieben? Wenn du so wenig bei mir gelernt hast, ist das nicht meine Schuld, ich jedenfalls war dem Schwarzem Abt ein besserer Schüler als du mir. Ich fühle nichts, hörst du? NICHTS!“ Er betonte es etwas zu sehr für Silkes Geschmack. „Und zweitens, rede nie wieder schlecht von Menschen, die ich... äh... schätze! Meine Mutter konnte nichts dafür, dass sie an der Pest starb und mein Vater nichts dafür, dass er abgeschlachtet wurde oder dafür, dass die damaligen Zeitumstände ihm nicht erlaubt haben, sich zu Lebzeiten mehr um mich zu kümmern! Und Jona, mein Sohn, ist noch sehr jung, er kann sich ändern.“ „Sicher“, presste Matreus kaum hörbar zwischen den Zähnen hindurch, „er ist ja auch erst ein paar hundert Jahre alt. Und wo ihr den überhaupt her habt, wenn Ihr angeblich nicht lieben könnt, frag ich mich auch.“ Aber laut sagte er lieber nichts mehr.

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9 (Teil 9) am Mi Dez 24, 2008 2:12 am

Zanrelot musste ein paar Mal tief durchatmen, um sich wieder zu beruhigen. Dann ordnete er an: „Matreus, gib ihr den Gegentrank! Und dann will ich sie nicht mehr hier sehen. Und du,... du,... ach, geh Kinder ärgern!“ Grummelnd entfernte sich Matreus, um weiteren Gegentrank zu holen. Silke flehte indessen Zanrelot an: „Ich will den Trank gar nicht! Und ich will auch nicht gehen! Ich möchte nicht aufhören, dich zu lieben! Ich verlange auch keine Gegenliebe und werde gut aufpassen, dich nicht mehr zu verletzen!“ Er grinste spöttisch: „Vielleicht ist das ja deine Strafe, dass ich dich nicht bleiben lasse? Was sagt der Sadist zum Masochisten, wenn der ihn bittet, ihn zu quälen? NEIN! Hahaha!“ Dann wurde er wieder ernst und versicherte ihr: „Du wirst anders darüber denken, sobald du den Liebestrank los bist. Glaub mir!“

Missmutig kam Matreus zurückgestapft, eine große Flasche mit Anti-Liebestrank in der Hand. Silke, die wusste, dass es keinen Sinn hatte, weiterzubetteln, fragte resigniert: „Muss ich jetzt auch eine Stunde lang an diesen Tropf?“ „Ach was“, winkte Zanrelot ab, „du bist ja nicht krank. Du brauchst nur was, damit du endlich aufhörst, wie ein Tolernachichi zu quatschen. Ein Becher voll genügt.“ Silke ergriff den Becher, den Matreus ihr randvoll gefüllt hatte, schaute Zanrelot ein letztes Mal liebevoll in die Augen, bis er sich abwenden musste, und stürzte dann den Trank in einem Zug hinunter.

Es war, wie wenn man nach einer durchzechten Nacht wieder nüchtern wurde, nur dass es mit einem Schlag geschah. Diese Ernüchterung, im wahrsten Sinn des Wortes, war nicht sehr angenehm. Zwar fühlte sie sich bei klarem Verstand, wie lange nicht mehr, aber sie trauerte dem vorigen Zustand nach, wie einer sehr schönen, durchfeierten Nacht, wenn der Alltag wiederkehrt. Doch es half nichts, es war vorbei. Da war keinerlei rauschhaftes Gefühl mehr. Sie sah Zanrelot an. Er war immer noch ein beeindruckender Mann, aber mehr nicht. Und sie waren sich doch so nahe gekommen!

„Nun, willst du immer noch bleiben?“ fragte er. Sie schüttelte stumm den Kopf. Nein, sie hatte auf einmal überhaupt keine Lust mehr, den Rest ihres Lebens hier unten im Dunkeln zu verbringen. „Dann geh! Du gehörst nach da oben und ich nach hier unten. Ich sage nicht ‚Auf Wiedersehen’. Obwohl, vielleicht schlägt ja irgendwann doch meine Therapie an. Du kannst dir also nie ganz sicher sein, hehe.“ Matreus, der keine Lust mehr hatte, den beiden zuzuhören, verließ trotzig die Zentrale.

Als sie allein waren, bat Silke Zanrelot: „Versuch doch, etwas netter, nein, das ist das falsche Wort, hm,... aufmerksamer zu Matreus zu sein! Du magst ja glauben, dass dich niemand liebt, aber wenn ich mir deinen Ziehsohn so ansehe... Bestraf ihn nicht dafür! Oder wäre es dir nicht vielleicht auch lieber gewesen, der Schwarze Abt hätte dir nicht verboten, ihn zu lieben, als du jung warst und er alles war, was du hattest?“ Zanrelot sagte nichts. Keine Antwort war auch eine Antwort.

Sie deutete auf das Medaillon, das stets um seinen Hals hing: „Und was hat es damit auf sich? Du hast es schon als Kind getragen, wie ich sah. Warum ist dann ein Z darauf? Damals war dein Name noch nicht Zanrelot, sondern Franz Olte.“ „Es ist das Einzige, was mir von meiner Mutter geblieben ist“, gab Zanrelot leise Auskunft, „sie trug es immer. Das Bild meines Vaters, bei dem sie nicht sein durfte, war darin. Ihr Name war Zilla, daher das Z.“ „Zilla Olte“, flüsterte Silke, „und das Bild deines Vaters: Ist es immer noch darin?“ „Ja. Es ist das Einzige, was mir von ihm geblieben ist.“ Sie nickte und sagte so sachlich wie möglich: „Und weil dir alle so gleichgültig sind, trägst du das nach fünfhundert Jahren immer noch Tag und Nacht, aus reiner Gewohnheit.“ Er räusperte sich: „Hm, ja, so ist es.“ „Natürlich.“ „Dann sind wir uns ja einig.“

„Und was ist das Einzige, was mir von dir bleibt?“ fragte Silke. Er lachte kurz auf. „Was sind denn das für Töne? Wirkt der Trank etwa immer noch?“ „Nein, es ist vorbei. Aber was du mit deinen Eltern erlebt hast, ist auch vorbei, lange vorbei, und bleibt doch immer in dir. Und du hast ein Andenken daran. Ich möchte auch ein Andenken, wirklich.“ Er schaute sie etwas ratlos an, dann ging er zu seinem Computerterminal und fischte das Tolernachichi hervor. Er überreichte es ihr mit spitzen Fingern: „Hier hast du dein Andenken. Denn wenn du je vergessen solltest, wie albern du Zanrelot hast reden hören, dann schalte es ein und du weißt es wieder: ‚Ich hab dich sooo lieb! Du bist sooo toll!’“ Sie mussten beide kichern. „Aber lass dir nicht einfallen, irgendwem davon zu erzählen!“ fügte er in drohendem Tonfall hinzu und funkelte sie böse an, „und noch was: Hau ihm rechtzeitig auf den Kopf, bevor es weiter dummes Zeug quatscht! Das hättest du mit mir besser auch machen sollen.“

Er führte sie zu dem Podest am Ein- und Ausgang der Unterwelt. Sie drückte das Kuscheltier an sich und sagte: „Leb wohl, Zanrelot!“ Er erwiderte achselzuckend: „Tja, wenn du mich lässt... Also, Resikuté.“ Sie schaute ihn ratlos an: „Ist das der hiesige Abschiedsgruß?“ „Nein, das Zauberwort, das dich zurückbringt: Resikuté. Sag es!“ (Wenn die Wächter gewusst hätten, dass er ihr „geheimes“ Passwort längst kannte! Aber er hätte einfachere Wege nach oben gewusst, wenn nur der Fluch ihn nicht gehindert hätte.)
Ein letzter Blick auf ihn und: „Resikuté!“ Sie fand sich in der Scheune der Wächter wieder und musste die Hand vor die Augen halten, weil es hier oben so blendend hell war.

Um sie herum standen die vier Wächter und starrten sie ungeduldig mit ihren neugierigen Kinderaugen an: „Und?!“ „Was und?“ fauchte sie gereizt, „ich habe versagt.“ „Oh nein!“ „Matreus hat auch versagt, also steht es null zu null, ihr solltet froh sein. Und jetzt lasst mich in Ruhe! Was hab ich überhaupt mit eurem Dämon zu schaffen?“ Sie stand auf und klopfte das Stroh von ihrer Kleidung.

Als sie hinaus ins Freie trat, kam Bewegung in die kleinste Wächterin, Leo. Erst versuchte sie, Silke festzuhalten, doch die riss sich los. Dann versuchte das Mädchen, ihr das Kuscheltier wegzunehmen: „Vorsicht! Werfen Sie das weg, um Himmels willen, das ist ein Tolerna...“ „Ich weiß, was das ist! Finger weg!“ Sie riss es an sich und ging entschlossen weiter. Leo drehte sich zu den anderen um: „Habt ihr das gesehen? Die war ganz schön sauer. Sie hat fast geguckt wie...“ „Zanrelot!“ rief Karo. „Ja“, bestätigte Leo verwundert. „Vielleicht war es doch keine so gute Idee, seine Verwandte anzuheuern“, grübelte Otti.


Als es an diesem Abend dunkel wurde, saß Silke Wullenwever auf der Hafenmauer, ließ die Beine baumeln und starrte nachdenklich hinaus in die Ferne. Es war ihr Abschied von Lübeck, morgen früh würde sie nach Hamburg zurück fahren. „Na, du“, sagte sie zu dem Tolernachichi auf ihrem Schoß und strich ihm über das „Z“ auf seinem Kopf, „hier ist es schön dunkel, da fühlst du dich wohler, oder? Ich muss mich auch erst wieder an das viele Licht gewöhnen und an diese ganze, laute Welt. Was wohl dein Erfinder gerade macht? Ich hoffe doch, er ruht sich brav aus. Aber seit wann sind Dämonen brav? Na, weißt du noch, wie er sich aufgeführt hat, hm? Und ich auch?“ Sie drückte auf den Auslöser des sprechenden Tierchens. „Ich hab dich sooo lieb!“ sagte es, „du bist sooo toll!“ Rasch schlug sie ihm auf den Kopf, damit es verstummte. „Entschuldige, aber das musste sein. Und das andere bleibt unser Geheimnis, klar?“ Sie rückte das Tolernachichi so zurecht, dass es wie sie hinaus auf die Bucht blicken konnte.

„Zanrelot“, sagte sie, obwohl sie wusste, dass er nicht da draußen, sondern tief unter ihr war und sie nicht hören konnte, „ich weiß nicht, was die Zukunft für uns beide bringt. Werde ich jemals wieder etwas Außerordentliches erleben, oder war es das einzige Mal? Das wäre auch schon mehr, als die meisten je kriegen. Und du... Vielleicht bleibt alles immer so, wie es ist: Du ärgerst die Wächter und sie dich, ein Gleichgewicht der Kräfte. Oben und unten, hell und dunkel. So war es, so ist es, so bleibt es. Vielleicht...“ Sie drückte das Tolernachichi fester an sich und sinnierte weiter: „Vielleicht wirst du auch irgendwann immun und wir sehen uns hier oben wieder. Vielleicht siegst du sogar eines Tages und beherrschst tatsächlich die Welt. Oder aber du wirst irgendwann besiegt. Das alles weiß ich nicht. Nur eines weiß ich: Ich werde es nie sein, die dich vernichtet, Zanrelot. Leb wohl!“


ENDE

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